Um gleich die brennendste Frage all derer zu klären, die das Buch gelesen haben: ja, der Schluss ist unverändert im Film.
Und, um den Eiligen unter euch die Leserei eines langen Textes zu sparen: ich finde den Film so mittel. Und vor allem sehr sehr sehr bieder. Bieder, bieder, bieder. Bieder bieder. Bieder,bieder, bieder, bieder. Bie-der. Bieder.
Bevor ich mich aber über den eigentlichen Film auslasse, möchte ich mich noch ein bisschen über die Medienpräsenz wundern, die der Film zur Zeit quer durch alle Medien hindurch bekommen hat. Zeit im Bild, Ö1-Mittagsjournal, FM4, jede Zeitschrift, Zeitung und jedes Magazin, alle machen sie mit. Und das passiert ja irgendwie mit einer gewissen Regelmäßigkeit, und zwar immer dann, wenn eine größere, typischerweise europäische Produktion, seeehr oft (mit)produziert von einem gewissen Herrn Bernd Eichinger, ihre Premiere feiert. Das führt mich zu drei logischen Schlussfolgerungen:
- Diese Medien sind den Filmen die sie vorstellen gegenüber völlig unkritisch. Achten sie einmal darauf, wie oft Paul Kraker und Konsorten tatsächlich ein Urteil über einen Film abgeben, tatsächlich Dinge sagen wie “Der Film ist eine wenig geglückte Umsetzung”, “Der Film ist Kackmist”, oder “Der Film ist total geil” – niemals, weil diese Medien offensichtlich versuchen, objektiv zu bleiben. Allerdings frage ich mich dann, wer aussucht, über welche Filme im Mittagsjournal berichtet wird. Objektivität my Ass – Hype-Alarm.
- Diese Medien haben keine Ahnung von Filmen. Ist doch logisch: Film ist im deutschsprachigen Raum nach wie vor als Kunst nicht sonderlich anerkannt, als Resultat kann sich der ORF zwar den Zogi als Theaterprofi leisten, und der Kraker weiss aus FM4-Zeiten sicher gut über Grindcore-Metal-Musik und was weiss ich noch Bescheid, bei Filmen habe ich aber so meine Zweifel. Ein geschickter Produzent könnte denen sicher den letzten Bockmist als hohe Kunst verkaufen.
- Bernd Eichinger ist ein geschickter Produzent. Ich bin mir sicher, dass Eichinger und natürlich auch andere ganz genau wissen, wie sie ihre Filme in den europäischen Medien hypen können. Und wie man in der Kulturrubrik der “Zeit im Bild” einen Bericht bekommt. Und mit dem Parfum hat er es wieder gezeigt: der Mann kann es. Der Mann kann Filme verkaufen.
Jetzt aber zum Parfum: Bernd Eichinger hat vor vielen Jahren mit “Der Name der Rose” etwas geschaffen, was man beinahe als eigenes Genre bezeichnen kann: europäische Großproduktionen, üblicherweise Literaturverfilmungen, im historischen Setting, auf den internationalen Markt gerichtet. Das ist leicht zu machen, weil die Kulissen in Form echter Schlösser, alter Dörfer und so weiter bereits vorhanden sind und lässt sich auch leicht vermarkten: in Europa kennt man oft die Romanvorlage (Umberto Eco, Patrick Süskind), und für die Amerikaner packt man einfach ein paar US-Schauspieler aus dem anspruchsvollen Eck rein: Alan Rickman und Dustin Hoffman, zum Beispiel. (Der Zuseher wartet allerdings vergebens, dass plötzlich John Malkovich aus irgendeiner Ecke springt, “Hallo, ich bin wie immer auch dabei!”).
Bei “Der Name der Rose” hat das aussergewöhnlich gut funktioniert. Der Film ist düster, stimmungsvoll, mainstreamtauglich und anspruchsvoll zugleich. Alle Nachfolger (von denen man hier in Europa doch pro Jahr ein oder zwei produziert) sind erwartungsgemäß zumeist langweilig und nach Schema F umgesetzt.
Das gilt auch für das Parfum. Ich habe das Buch vor Äonen von Jahren damals in meiner Schulzeit lesen dürfen müssen - und wenngleich ich mich nicht mehr wirklich in der Lage sehe, Buch und Film unmittelbar zu vergleichen, so kann ich mich doch gut an die Stimmung und Atmosphäre erinnern.
Und hier passt sofort eine Aussage von Regisseur Tom Tykwer hinein, die ich bei all der Medienpräsenz des Films sicher fünf bis sieben Mal gehört habe: Tykwer wollte (dem Buch entsprechend) das 18. Jahrhundert als dreckigen Ort darstellen, als Ort voller Gerüche.
Hat er aber nicht. Die Optik des Films ist nämlich so sauber, dass sie beinahe schon als steril zu bezeichnen ist. Klar, jede Figur hat noch mehr Fake-Dreck im Gesicht als die vorige, aber durch den überhöhten Kontrast und die starke Helligkeit wirkt dieser Dreck so sauber, als könnte man davon essen. Die Optik beraubt den Film jeglicher Textur.
Und damit nicht nur jeglichen Drecks, sondern auch jeglichen Geruchs. Und das ist bei einem Film rund ums Riechen fatal. Der geneigte Leser mag jetzt einwerfen, dass ausgerechnet der Geruchssinn nur sehr schwer in andere Medien übertragbar ist. Dem möchte ich zwei Dinge entgegenstemmen. Erstens: Patrick Süskind hat es in seinem Buch geschafft, und zwar sehr gut. Zweitens: sehen sie sich (und ich weiss, das ist ein blödes Beispiel, aber das einzige, das mir auf die Schnelle einfällt) den kürzlich von mir rezensierten “Willy Wonka und die Schokoladenfabrik” an. Im Vorspann wird die Produktion von Schoki gezeigt, und zwar in einer Weise, dass es ein Fest für alle Sinne ist – und unverschämten Appetit macht. So viel Appetit, dass mich die bloße Erinnerung daran jetzt auf der Stelle dazu zwingen wird, eine ganze Tafel “Milka Schoko und Keks” zu verschlingen. Schling, schling.
Äh, zurück zur Optik von “Das Parfum”. Die Gerüche fehlen einfach. Tykwer scheint ja eh verstanden zu haben, wie man Gerüche bildlich sichtbar macht: indem man das Gerochene (Mirabellen, Wildleder, madenzerfressene Ratten, was auch immer) zeigt. Nur kapiert Tykwer nicht, wie man das richtig macht. Ich bin ehrlich gesagt die ganze Zeit im Kino gesessen und hätte am liebsten rausgebrüllt: “Geh näher ran mit der verdammten Kamera! Bleib länger drauf! Was soll denn das? Der Zuseher soll doch die TEXTUR des verdammten Objekts erfassen können!” – Tykwer hingegen macht immer so komische halbtotale, superkurze Aufnahmen, die dem Zuseher überhaupt kein Gefühl für die entsprechenden Gerüche vermitteln. Selbst die madenzerfressenen Ratten reichen auf der 15-jährige-Mädchen-Schrei-Skala nur für ein vereinzeltes Iih oder Uuh – mehr scheint nicht drin zu sein.
Verwunderlich, da ja ausgerechnet Tykwer dank “Lola rennt” (ein Film, den ich nicht mag) als eher vergimmickter Regisseur bekannt ist. Hier hat er sich aber offenbar nicht genug Mühe gegeben. Ebenso fehlen leider auch die Kontraste – ein Buch, das mit seinen schönen Gerüchen in einer hässlichen Welt an allen Ecken und Enden das Potential für Kontraste bietet, wird zu einem Film, dessen einziger Kontrast der wie erwähnt viel zu stark aufgedrehte Kontrast der Kamera ist.
Weiters hat man sich offenbar bemüht, alle Ecken und Enden des Buches glattzufeilen, es etwas biederer zu gestalten. Wenn man die aktuelle Medienberichterstattung und vor allem die Reaktionen darauf betrachtet, so entsteht der Eindruck, der Film müsse beinahe unansehbar hart und hässlich sein – in Wahrheit ist das nur der Ruf des Buches, der auf den Film überschlägt. Der Film ist, ich glaube, ich habe es schon erwähnt, bieder, bieder, bieder.
Grenouille ist weder hässlich noch entmenschlicht, seine Opfer sind nicht minderjährig, die Welt ist recht ordentlich, sogar die Maden in den Ratten sind relativ sauber. Was soll das? Wo ist die schmutzige, widerliche Welt des Buches hin, in der ein hässlicher Mensch durch extrem hässliche Taten etwas Schönes schafft? Warum ist Grenouille auf einmal ein durchschnittliches Emo-Kiddie? “Grenouille” bedeutet “Frosch”, verdammt noch mal, und entsprechend sollte der Typ auch aussehen.
Und dann möchte ich noch ein bisschen die Drehbuchautoren (Tykwer, Eichinger, und Andrew Birkin, der auch schon an den Drehbüchern zu “Der Name der Rose” und Bessons “Johanna von Orleans” gearbeitet hat) beschimpfen: das Drehbuch ist nämlich nicht besonders gut.
Zwei klare Indikatoren dafür, dass eine Literaturadaption nicht besonders geglückt ist: wenn der Film im Verhältnis zum Buch ungewöhnlich lang ist (“Das Parfum” ist ein durchschnittlich langes Buch, aber ein anstrengend langer 150-Minuten-Film), und, wenn es offensichtlich nicht gelingt, das Buch zu adaptieren, ohne, dass ein Erzähler aus dem Off Teile des Textes vorlesen muss. Speziell, wenn das so wie beim Parfum eher willkürlich geschieht: der Erzähler darf am Anfang und am Ende plaudern, dazu noch an mehreren Stellen mittendrin, allerdings ohne echtes Muster.
Dazu kommt ein völlig seltsames Tempo: der Film beginnt, ich möchte höflich bleiben und sagen: lang…atmig. Lang, lang, lang, lang, lang, viel zu lang. Nicht “gut lang”, dass man eine intensive Bindung zu den Figuren aufbaut oder was auch immer, sondern an vielen Stellen einfach nur lang. Nach dem eigenartigen Rollenwechsel (warum das FunpleXXX da eine Mini-Pause in der Mitte machen muss, ist mir unklar) kommt dann auf einmal eine kurze Strecke, in der der Film auf einmal lächerlich schnell weitermacht: die Morde nämlich, die in einem Tempo erzählt werden, das den Film kurzzeitig beinahe in Slapstick abgleiten lässt. Der Schnitt vermittelt tatsächlich den Eindruck, der Projektionist hätte irrtümlich die falsche Projektionsgeschwindigkeit erwischt.
Aber das hält nicht lange, und so fällt der Film nach kurzer Zeit wieder zurück in den alten, langatmigen Stil. Bäh. Ein etwas ausgeglicheneres Tempo über den ganzen Film hätte nicht geschadet.
Ich möchte einen meiner Mit-Kinogänger zitieren, der gesagt hat: “Ich verstehe nicht, was an dem Film so schlimm sein soll.” Gar nichts. Es wurde alles glattgebügelt und abgefeilt, was den sporadischen Kinogänger abschrecken könnte, und damit auch das, was das Buch zu einem Bestseller über Jahrzehnte gemacht hat. “Sporadischer Kinogänger”, das ist ein gutes Stichwort. Davon scheint es für diesen Film genug zu geben, der Saal war proppenvoll. Und dank seiner Glattgefeiltheit wird der Film bei diesen Leuten ein großer Erfolg sein und der Hype wird sich ausgezahlt haben. ”Das Parfum” wird im deutschsprachigen Raum sicher erfolgreicher sein als “Superman returns”, was für mich schon ausreicht, den Film nicht zu mögen. Dennoch: nach all der Kritik meinerseits (und nach der offenen Aussage: ich mag den Film nicht) muss ich klar sagen: er ist ein guter, solider Film. Ein guter Film, aber eine sehr schlechte Adaption.