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Archiv: September, 2006

Gestern gesehen: Stress in der Familie

Der Besitzer eines Weinguts geht fremd. Seine Frau ist frustriert und keinesfalls bereit, ihn aufzugeben. Seine Tochter ist mit einem Durchgeknallten (Belmondo) verlobt. Sein Sohn ist zynisch und in klassische Musik vernarrt. Die Fetzen fliegen. Und dann ist jemand tot. Schritte ohne Spur.

Kaum zu glauben: der erste Film von Claude Chabrol, den ich je gesehen habe. Chabrol gehört zu den lästigen Zapfen der Nouvelle Vague, was ihm bei mir eigentlich schon prinzipiell Negativpunkte einbringt. Andererseits scheint sich der Herr Chabrol die schnöselige Lästigkeit eines Godard oder Truffaut zu sparen, und setzt stattdessen eher auf Hitchcock-Flair.

Der Mord passiert allerdings erst am Schluss, und so ist der Großteil des Films einfach ein (gutes) Drama, stilistisch exzellent umgesetzt, visuell ab und an recht verspielt, die üppige Landschaft und die altmodische Ausstattung des Weingutes geschickt ausnützend.

Wie funktioniert das, dass in den Sechzigern dickliche, schnauzbärtige Franzosen mittleren Alters problemlos junge Frauen abbekommen konnten? War das den jungen Frauen nicht zu doof? Andererseits: was soll man von einem Land erwarten, in dem Jean Paul “Kartoffelnase” Belmondo ein Sexsymbol ist?

Danach ein radikaler Wechsel in Nation und Epoche, vom Frankreich der späten Fünfziger ins Japan Mitte der Achziger. Dort hat sich Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb endlich ein Eigenheim geleistet. Durch den spontanen Einzug des Großvaters wird es allerdings plötzlich ein bisschen eng. Und weil die anderen Familienmitglieder ohnehin allesamt ein bisschen exzentrisch sind, fliegen auch hier recht bald die Fetzen.

Wer in dem Film einen “umgekehrten Düsenantrieb” erwartet, wartet vergebens: der deutsche Titel ist eine mehr oder weniger freie Übersetzung einer japanischen Phrase, die soviel wie “total verrückt” bedeutet. Und in der Tat sind die Figuren Karikaturen klassischer Klischees: der Vater ist sehr ums Familienwohl umsorgt, der Sohn lernt wie ein Blöder für die Uni-Aufnahmeprüfung (als Bruder eines Medizinstudenten kommen mir die zweifelhaften Lernmethoden verdächtig bekannt vor), Töchterchen singt gerne Karaoke und will Schauspielerin werden, und der deutlich zu rüstige Großvater stiftet gerne Unruhe, um auch ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen.

Der Film erinnert in absolut jeder Hinsicht an John-Hughes-artige Komödien: Ferris macht hier eben nicht blau, sondern gräbt ein Loch in seinem Wohnzimmer. Lediglich gegen Ende hin dreht der Film dann noch mehr ab – da bin ich aber ganz kurz ins Lummerland abgeglitten. Bäh.

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Gestern gesehen: Roboter!

Science-Fiction-Trippel-Feetcher mit Les Kumpéls: Klassik und Moderne der SF friedlich vereint.

Zathura – das ist so quasi Daumen mal Pi ein Remake/Neuinterpretation von “Jumanji”. Die Handlung ist mehr oder weniger dieselbe: Kids entdecken ein altes Brettspiel, das sofort ausprobiert werden muss, und das dann die Phantasiewelt des Spiels mit der Wirklichkeit verschmelzen lässt. Nur, dass es diesmal eben nicht in den Dschungel geht, sondern, dass sich des Vaters Haus plötzlich a la “Bad Taste” im Weltraum wiederfindet.

Des Films größte Stärke ist sein visueller Stil, der sich stark an Science-Fiction-Blechspielzeug der Fünfziger Jahre orientiert. Das “Zathura”-Spiel ist Blechspielzeug, ebenso der Roboter, der herbeibeschworen wird mit der herrlichen Understatement-Spielkarte “Your Robot is defective” (die ist eigentlich recht selbsterklärend). Selbst die Raumschiffe der ausserirdischen Zorgons sehen aus, wie aus Weissblech ausgestanzt. Herrlich!

Die Zorgons selbst wiederum sehen, weil in praktischen Effekten und nicht in CGI realisiert, aus wie einem Achzigerjahre-Film entsprungen. Erinnerungen werden wach, nicht nur an Filme wie “Gremlins”. Doch nicht nur daran, sondern irgendwie auch an den angeblich grauenhaften Super Mario Brothers-Film, den ich leider nie gesehen habe.

Die zweite große Stärke des Films liegt im mitunter eher auf Understatement ausgelegten Humor, etwa den recht nüchtern formulierten Spielkarten, der immer wieder durch die Gegend polternden tiefgefrorenen Schwester und vielen anderen Details.

Der Film ist ganz klar auf ein junges Publikum ausgelegt – ich habe mich ständig dabei erwischt, wie ich gedacht habe: “als Kind hätte ich das und das empfunden”.  Er zeigt sich dabei als nicht so erwachsenentauglich wie manch anderer Kinderfilm (Der Spongebob-Film oder Terry Gilliams “Time Bandits” fallen mir spontan ein), durch das Design und manche der subtileren Witzchen kann er aber durchaus auch bei reiferem Publikum punkten. Aber ich bin sowieso nicht “reifer”. Einen für Kinder geradezu anspruchsvollen Schluss hält der Film dann auch noch bereit.

“Gort: Klaatu barada nikto!”

Der Tag an dem die Erde stillstand ist einer der ganz großen SF-Filme, einer der ersten Versuche, ernsthafte Science Fiction abseits von Buck Rogers und Flash Gordon, mit erwachsenem Zielpublikum im Kopf und käsige Spezialeffekte größtenteils vermeidend.

Die Geschichte von Klaatu und Gort wurde in extrem ästhetischen Schwarzweissbildern von Robert Wise inszeniert, dessen Filme ich ja zumeist aufgrund ihres ästhetischen Werts schätze – man darf nicht unterschätzen, dass der Mann den Schnitt von Citizen Kane gemacht hat.

Der Film ist absolut faszinierend, voller Symbolik und mit Friedensbotschaft, was für einen SF-Film der 50er eher ungewöhnlich ist (vgl. “Kampf der Welten”). Für mich definitiv das Highlight des Abends.

Danach noch Per Anhalter durch die Galaxis, die neue Verfilmung des ersten der fünf Bücher aus der fortschreitend ungenau betitelten Anhalter-Trilogie. Ein Film, der es einerseits schafft, den seltsamen Humor von Adam’s Werk adäquat umzusetzen, andererseits vor allem einen extremst coolen visuellen Stil an den Tag legt. Eine kurze Rezension habe ich irgendwann im Juni schon hier auf dem Blog geschrieben.

Fazit, ein runder Abend mit drei herrlichen Vertretern der Spezies Roboter (“Your Robot is Defective”, Gort und Marvin).

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Gestern gesehen: Scheidung und Piraten

Ein (un)möglicher Härtefall könnte der meistmissverstandene Film der letzten Jahre sein. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich den vor einigen Jahren, beim DVD-Verleihstart das erste Mal gesehen habe. Die Coens waren mir damals zwar schon ein Begriff, allerdings hatte ich gehört, sie hätten zuletzt stark abgebaut (Lüge!) und so war meine Überlegung beim Ausleihen des Films die, dass er sicher meiner Mutter gefallen würde, ich ihn unter Vervollständigung meiner Coen-Kenntnisse verbuchen könnte, und die 1,50 € somit nicht vollständig zum Fenster rausgeworfen wären.

Falsch, falsch, falsch, falsch, falsch. Man muss (ähnlich wie ich auch schon bei “O Brother, where art thou?” hier auf dem Blog geschrieben habe) die Coens kennen, um zu wissen, was sie mit diesem Film bezwecken. Auf den ersten Blick sieht man nämlich eine harmlose Romantikkomödie, in der genausogut Julia Roberts anstelle von Catherine Zeta-Jones spielen könnte.

Der Chef der Anwaltskanzlei und der asthmatische Auftragskiller sind aber bereits ein recht guter Hinweis, dass das vielleicht so nicht stimmt. Ebenso die Tatsache, dass das erste, was wir von George Clooney zu sehen bekommen, seine Zähne beim Nachbleichen sind. Auch der zuckerlbunte Vorspann zu den Klängen von Elvis’ “Suspicious Minds” (einem Song, der mir nach “Härtefall” immer tagelang in den Ohren summt) sollte den Zuseher darauf vorbereiten, dass das eben nicht eine Romantikkomödie aus derselben Liga ist, aus der duzende Billigst-Eigenproduktionen Woche für Woche durchs deutsche Fernsehen flimmern.

“Ein (un)möglicher Härtefall” ist natürlich, so wie alle Coen-Brüder-Filme, postmodern bis zum geht-nicht-mehr. Zuseher, die weniger geschult sind im Verstehen popkultureller Referenzen, mögen es nicht gleich merken, aber der ganze Film, von A bis Z, wirkt wie eine einzige, riesige Karikatur. Die Figuren sind überspitzt, der Plot auf jeder Ebene eine Referenz, und postmoderne Filmemacherei tropft aus allen Poren. Herrlich!

Das einzige Problem dabei ist das Folgende: Romantikkomödien sind (leider) sehr sehr sehr sehr sehr oft billige Massenware nach Schema F (siehe auch: deutsche TV-Produktionen im Allgemeinen) – und als Resultat greifen sie oft auf klischeehafte, vorhersehbare Plots und aus Karton ausgeschnittene, plumpe, unoriginelle Charaktere wie aus der Wühlkiste zurück. Und der Unterschied zwischen “postmodern” und “ungewollt klischeehaft und schlecht” ist, auch wenn postmoderne Menschen wie ich das nur ungern zugeben, leider nur minimal.

Auch wenn diese Verwechslungsgefahr besteht, und für mich der Grund ist, dem Film den Titel “vielleicht meistmissverstandener Film der letzten Jahre” zu verleihen, so muss man dennoch ganz klar sagen: der Coen-Faktor verhindert, dass ein “true believer” wie ich auch nur auf die Idee kommen könnte, die Coens hätten hier Mist gebaut. Nein, die Freude und das Vergnügen, das die Coens dabei haben mussten, diese Karikatur zu zeichnen, sprüht förmlich aus dem Film heraus. Ein unterschätzter Film.

Was noch interessant wäre, wäre ein Direktvergleich mit “Down with Love” aus dem selben Jahr, ebenfalls eine postmoderne Betrachtung klassischer Liebeskomödien der Sechziger, allerdings etwas offensichtlicher. Den habe ich aber das letzte Mal vor Jahren gesehen, und kann mich nicht mehr wirklich erinnern.

Achja: und wie bei allen Coen-Filmen lässt sich wieder ganz herrlich “Wo ist Campbell?” spielen, mit der üblichen Cameo von Bruce Campbell.

Danach ein dem Datum etwas angemessenerer Film (siehe auch letzter Blogeintrag): Der rote Korsar, der Film, in dem Burt Lancaster in feuerroten langen Unterhosen breit grinsend von einem Mast zum anderen schwingt, beim breiten Swashbuckler-Grinsen ungefähr fünfzehn Reihen weissblitzender Zähne entblößt, das Herz des Mädels erobert, seine bärtigen Johoho-Piraten klassischen Schlags dazu bringt, dass sie sich die Bäuche halten vor Lachen, und natürlich eine Karibikinsel aus der Terrorherrschaft des bösen Gouverneurs befreit – der zeigt den Spaniern, wo der Hammer hängt.

Der rote Korsar, das ist sicher der Film, bei dem sich der “Fluch der Karibik” die meisten Anleihen nimmt. ein von mir bisher als unverzeihlich gehaltener physikalischer Fauxpas letzteren Films stellt sich somit als clevere Referenz auf diesen Fifties-Streifen heraus. Der erlaubt sich dafür einiges, was man durchaus als Genre-Fauxpasses bezeichnen könnte: etwa die vorzeitige Erfindung von Heissluftballon, Panzer und Maschinengewehr. Und U-Boot.

Der rote Korsar ist die Sorte Film, von der ich weiss, dass ich sie als Kind vergöttert hätte. Naja, ehrlich gesagt: auch als Erwachsener bin ich für diese Sorte von “bärtige Männer mit Kopftüchern, Ohrringen und quergestreiften, zerissenen Hemden schwingen Säbel unter dem Kommando eines Retro-Schönlings in zu engen Hosen und zu weitem Hemd”-Filme durchaus auch noch ziemlich begeisterungsfähig. Hooray, and up she rises, örlai in the morning!

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Ahoi, ihr Landrratten!

Jedes Jahr am 20. September, wenn meine Schaluppe wieder in Tortuga liegt, und ich von reichem Beutezug zurück bin, könnte ich mich am liebsten selbst kielholen: euch Käpt’n hat schon so viele Säbelduelle gefochten, dass er jedes Jahr wieder vergisst, dass am 19. September der internationale Talk Like a Pirate Day ist. Arrr, die schreckliche Pein.

Doch heuer war die Beute mickrig, und Davy Jones war mir hold: ich habe gerade noch rechtzeitig Wind davon bekommen, um diesen Freudentag (wichtiger als internationaler Tag der Frau und internationaler Tag der Arbeit) zu feiern. Johoho!!

Landratten, die noch nie auf Kaperfahrt waren, können in diesem Lehrvideo Grundzüge des Piratischen lernen. Und unter dem weiter oben gesetzten Link gibts “Pirattitude”. Arrr!

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Gestern gesehen: Seltsame Liebesfilme

Ahoi, Landratten! 5×2 (a.k.a. “Fünf mal Zwei”), das sind fünf Episoden aus einer Liebelei, errzählt in umgekehrter Reihenfolge, joho, von der Scheidung bis zum ersten Kennenlernen beim Beutezug in Italien. Kapitän auf dieser Galeone von Film ist der von eurem Käpt’n mittlerweile geschätzte und hier auf’m Blog mehrfach rezensierte Francois Ozon, der wasserscheue Franzmann.

Und auch diesmal finden sich jede Menge typischer Ozon-Elemente (und Piratenschätze): starke Weibsbilder und deren mitunter seltsame Psyche, eine gewisse erzählerische Länge, die anfangs ziemlich langweilig wirkt, über die Länge des Films aber eine gewisse Zugkraft entwickelt, und ein Schluss, der den Film erst so richtig sehenswert macht. Schockschwerenot!

Und damit meint euer Käpt’n nicht eine Überraschungswende a la Fight Club, sondern vielmehr etwas, das man wohl als Anti-Überraschungswende bezeichnen könnte: plötzlich realisiert man, dass man alles in einem anderen Licht sieht, obwohl man das nicht an einem Ereignis festmachen kann. Schockschwerenot, eine Fata Morgana? Ob da der Rrrum dran Schuld ist?

Einen Originalitätsbonus für den formellen Kniff, die Reihenfolge der Episoden rückwärts laufen zu lassen, kann ich nicht verleihen. (Vielmehr stehle ich ihn, plündere anschliessend die französischen Kolonien in der Karibik und kehre dann nach Tortuga heim, mit dem Originalitätsbonus als fetter Beute.) Das ist jetzt mittlerweile so oft gemacht worden, dass es nicht mehr witzig ist. (Witzig sind die Piraten im Spongebob-Film.) Darüberhinaus läuft es immer darauf hinaus, dass unschuldige Piraten durch die Änderung der Reihenfolge quasi “hereingelegt” werden – ein Pirat, der anfangs (bzw. am Ende) nett wirkt, stellt sich plötzlich als Riesenaas heraus. Been there done that. Arrr.

Trotzdem: exzellenter Film. Wenn nur nicht der Schauspieler, der die männliche Hauptrolle spielt, wie Christian Tramitz aussehen würde. Joho, und ne Buddel voll Rrrrum.

Leben nach dem Tod in Bangkok (auch: “Last Life in the Universe”, OT: “Ruang rak noi nid mahasan”) ist ein Film aus Thailand, in dem sich ein suizidgefährdeter, neurotischer Ordnungsfanatiker (eventuell Pirat) aus Japan in eine käferfahrende, schmuddelige, thailändische Prostituierte (eventuell Piratin) verliebt. Die Yakuza kommt auch drin vor. Und ein Kinderbuch. Aber keine Piraten! Das melde ich gleich meinem Obermaat.

Der Film, wie für asiatische Filme üblich, ist wunderhübsch inszeniert, (arrr, aber ohne die See ist ein Film nur ein halber Film) danke, Cinematographer Christopher Doyle, dank der Bilderflut aus dem fernen Osten gibt es aber auch in diesem Film kaum Motive, die wirklich hängen bleiben. (Weil ich sie nicht am Foggmast aufknüpfen lassen habe.) Mit Ausnahme der fliegenden Bücher. (Holländer?) Aber auch sonst ist bei mir von dem Film ausser der beschaulichen Stimmung kaum etwas übriggeblieben. Er ist schön. Arrr.

Ein interessantes Problem hat allerdings die Synchronisation: (Synchronisation sei’s für Weicheier, und Landratten) der Film ist nämlich dreisprachig (Thailändisch/Japanisch/Englisch). In der Übersetzung ins Piratische ist er dann zweisprachig (Deutsch/Japanisch), wenn ich mich recht entsinnen tu’. Ob das synchrontechnisch eine gute Entscheidung war, ist fraglich, andererseits: wer kann hierzulande schon japanisch oder thai? Ein guter Piratenkapitän braucht keine Sprache, um zu plündern. Arrrr!

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Gestern gesehen: Politik und Serien

Kumpels waren da, ergo Zeit für etwas politische Bildung. Also gab’s zuerst die am Freitag aufgenommene TV-Konfrontation zwischen Westi und HC, die irgendwo zwischen lachhaft und unwürdig einzuordnen ist. Dass die zwei sich überhaupt noch “Politiker” schimpfen dürfen, zeigt, was für eine Bananenrepublik (das Wort ist eine Leihgabe von Michael) Österreich mittlerweile ist.

Es ist bestenfalls als amüsant zu bezeichnen, wenn die beiden Haider-Aushilfs-Klone verzweifelt die “gewaltigen Unterschiede” zwischen ihren identischen Parteien herauszuarbeiten versuchen und gleichzeitig eine ganze Liste von völlig identischen gegenseitigen Vorwürfen auspacken.

  • Wir sind die echten Freiheitlichen, ihr seid das Imitat.
  • Ihr habt die alte FPÖ kaputtgemacht.
  • Du bist nur ein blödes Haider-Imitat.
  • Du bist ein untergriffiger Prolet. (Eines der wenigen Argumente, wo ich plötzlich beiden Seiten recht gebe.)
  • Du unterbrichst mich ständig! Lass mich doch ausreden! (Stimmt auch. Das Schlusswort mussten die beiden Labertaschen sogar zugleich sprechen.)
  • Deine Partei ist nur Steigbügelhalter für eine große Partei (BZÖ>ÖVP, FPÖ>SPÖ??).
  • Deine Partei kann nach der Wahl sowieso nichts bewirken.
  • Die Politik deiner Partei lässt zuviele Ausländer/Asylanten/Türken/Drogendealer/Kanaken (diese Begriffe scheinen in BZÖ- bzw. FPÖ-Sprech mehr oder weniger Synonyme zu sein) ins Land.

Eine recht skurrile Wendung nahm die Geschichte plötzlich, als Westi dem HC übermäßige Nähe zum rechten Eck vorwarf. Sicher, HC hat sich in dieser Hinsicht schon auffällig viele Patzer erlaubt und die aktuellen Wahlplakate der FPÖ sind bestenfalls als menschenverachtend zu bezeichnen (“Daham statt Islam”, “Österreicher! Kauft nicht bei Moslems!”) – aber das von Westi, der in seiner letzten Konfrontation versprochen hat, soundso viele tausend Millionen Ausländer rauszuwerfen??

Dennoch konnte Westi damit Punkte sammeln, ebenso mit einem geschickten wie untergriffigen Manöver, Strache als ungebildet hinzustellen (“Wieviele Pensionisten gibt es denn, Herr Strache, wissen sie das? Wieviele? Hä? Hä? Frau Lehrerin, der HC weiss es nicht! Frau Lehrerin!”).

Mein vollstes Mitleid hat indes die Profijournalistin Ingrid Thurnher, die derartige Dummbatze ertragen muss, und die mittlerweile nicht einmal mehr kommentiert, wenn HC als Quelle die “U-Bahn-Zeitung” auspackt. Frau Thurnher, meine Gedanken sind bei ihnen, an der Front.

Insgesamt wünscht man den beiden rechten Populismus-Trotteln (waren das noch Zeiten, als wir wenigstens nur den Haider am Hals hatten), dass sie bei der Wahl so richtig schön einscheissen. Wenn es ein politisches Lager verdient hat, durch eine Spaltung zugrunde zu gehen, dann ist es dieser rechtspopulistische “freiheitliche” Dunst.

Danach: Die Simpsons, Runde 17. Wobei ich mittlerweile glaube, dass nur die erste der beiden gezeigten Folgen tatsächlich aus der 17. Staffel ist, die zweite Folge mit Nelson kam mir ein wenig bekannt vor, speziell die Elefantenmensch-Verweise am Ende.

Es gilt: die neuen Episoden sind im Vergleich zu den früheren Hängern (das dürfte so um die 13. Staffel gewesen sein) wieder ziemlich gut. Eine gewisse Abgenutztheit macht sich dennoch bemerkbar. Irgendwie hat man immer noch das Gefühl, dass die Luft raus ist.

Gespannt entgegen fiebere ich den Folgen mit der “neuen” Marge. Bekanntermaßen ist ja gerade erst kürzlich die ultramarkante Synchronsprecherin von Marge Simpson verstorben – obwohl das bei den Simpsons schon mehrfach passiert ist, sowohl in den USA als auch in Deutschland, ist das das erste Mal, dass eine Hauptfigur betroffen ist (ausgenommen der Sprecherwechsel von Bart ganz am Anfang, aber der ist kaum bemerkbar). Nina Hagen als Kandidatin ist ja mittlerweile von A bis Z dementiert worden, vermutlich wird man eine professionelle Sprecherin suchen. Schrecklich wird die Umstellung auf jeden Fall.

Danach: LOST! Eine herrliche Serie. Man erfährt ein bisschen mehr über die anderen, die anderen anderen, tausend neue Fragen werden aufgeworfen. Die Lostschen Rückblenden nerven diesmal ein bisschen, weil sie kaum zur Handlung beitragen. Ausserdem: die Rollen der diversen Lost-Mädels sind im Moment irgendwie ziemlich in den Hintergrund geraten. Ich möchte mehr von Evangeline Lilly sehen. Und mehr von den Anderen. Warum kann heute nicht schon wieder Sonntag sein?

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Gestern gesehen: FSK-18-Filme

A History of Violence habe ich zuletzt im Kino gesehen. Der Film ist kurz und erzählt nicht sehr viel. Nichtsdestotrotz ist er großartig. Liegt vielleicht am von mir sehr geschätzten Regisseur David Cronenberg. Herrlicher Mann. Gute Filme. Mein Lieblings-Cronenberg ist zwar nach wie vor “Videodrome”, zumindest in der ruhigeren Sparte kann die “History” allerdings auch gut mithalten.

Aber Cronenberg ist nicht der einzige, den man mit Lob überschütten muss. Aragorn kann man in diesem Fall auch nicht genug loben. Normalerweise muss man bei Schauspielern, die in Großproduktionen wie “Herr der Ringe” mitgespielt haben davon ausgehen, dass sie ihr restliches Leben auf ihre eine Rolle getypecastet sein werden (schöne Grüße an Frodo). Viggo Aragorn Mortensen hat allerdings aufgrund von unverschämt viel Talent das Potential, durchaus mehr zu erreichen. Der Mann ist ja bekanntermaßen Method Actor, und ich wünsche ihm, dass ihm sein Agent noch viele schöne Filme raussucht, damit dem Männe der Ruhm zuteil wird, den er verdient hat.

U-Turn ist ein Film von Oliver Stone. Und der ist ja seit geraumer Zeit nicht mehr der Hitgarant, der er früher einmal war. “Alexander” ist ja, obwohl ich ihn nicht sooo schlecht fand, bei der Kritik und beim Publikum von vorne bis hinten durchgerauscht, und “World Trade Center” verspricht sich, eine in ihrem eigenen Patriotismus erstickende Pathetik-Nummer zu werden.

U-Turn, allerdings scheint noch eher vom “Natural Born Killers”-Stone zu stammen: der Film lässt sich am besten als Mischung aus “Wild at Heart” und Filmen, die in 70er-Grindhouses hätten laufen können beschreiben. Ein hammermäßiger Cast wuselt dabei in einem Film durch die Wüste, den Stone selber als einen beschreibt, “den er als Teenager selber gerne gesehen hätte”. “Die Wüste lebt”, und zwar dank einer Gruppe von restlos gestörten Freaks, die das Dorf Superior bewohnen, und dem hängengebliebenen Sean Penn (der ohnehin genug Probleme am Hals hat) mehr oder weniger (un)beabsichtigt das Leben zur Hölle und das Wegkommen unmöglich machen.

Übrigens sind beide Filme zwar FSK18 (bzw. “History” kJ), allerdings nicht indiziert und dürfen daher auch nach 23 Uhr im Fernsehen ungekürzt laufen. Danke, Öffis, dass ihr mir U-Turn gezeigt habt. Ein feiner Film.

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Meinungen sind wie … naja, ihr wisst schon

(Achtung: hier kommt maßlose Selbstüberschätzung.)

Mittlerweile dürfte es allgemein bekannt sein, dass ich im Schnitt 500 Filme im Jahr sehe (Filme, die ich schon kenne nicht eingerechnet), heuer sind es bereits ziemlich genau 350. Als Resultat gewinnt meine Meinung, was Filme angeht, doch eine gewisse Gravitas, die Leute glauben mir, wenn ich sage, was ich von einem Film halte.

Als Resultat habe ich immer ein kleines Bisschen Angst, dass meine Meinung die Meinung anderer ein wenig überlagert. Wenn ich also mit Kumpels aus dem Kino komme, und offen heraustrompete, dass ich den Film schlecht gefunden habe, kommt es durchaus vor, dass Kumpels nachdenklich auf den Boden starren und ein “naja, stimmt schon” von sich geben, obwohl man ihren Nasenspitzen ansieht, dass ihnen der Film eigentlich gefallen hat.

Einschub: ich habe die geheimnisvolle Fähigkeit, Leuten ihre Meinung zum Film beim Verlassen des Kinos von der Nasenspitze ablesen zu können. Wie ich dazu gekommen bin? Das ist eine lange Geschichte, in der eine alte Zigeunerin, ein ewig währender Fluch und der Stein der Weisen drin vorkommen. Die erzähle ich ein andermal. Aber es stimmt: ich kann wirklich immer perfekt erraten, was die Leute vom Film halten.

Und da liegt dann auch irgendwo das Problem: ich merke, dass die Leute eine andere Meinung haben als ich, diese aber ob meiner gewaltigen Film-Authorität entweder zurückhalten oder sogar ändern. Und das finde ich schlecht, da ich sehr für Meinungsfreiheit bin.

Oder bilde ich mir das alles nur ein? (Die Geschichte mit der Zigeunerin stimmt aber trotzdem.)

Ich habe es durchaus schon erlebt, dass Freunde von mir eine Meinung zu einem Film hatten, die auf krasseste Weise anders war als meine, und das auch lautstark geäussert haben – mein Lieblingsbeispiel ist Ang Lee’s Hulk, den mein Kumpel Thorsten (Achtung wörtliches Zitat) “einfach nur Scheisse” fand, ich hingegen absolut brilliant und unglaublich. Selbstverständlich hatte Thorstens Meinung Bestand und war auch völlig gleichwertig zu meiner. Weil das gut so ist. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute anderer Meinung sind als ich. Später habe ich dann Thorstens Herz gegessen und aus seiner Haut eine Fahne gebastelt, die “Fahne des schlechten Filmgeschmacks”.

Moment, ich habe gerade einen interessanten Gedanken: vielleicht liegt es weniger an meiner filmischen Authorität als an meiner Fähigkeit, meine Meinung zu einem Film lautstark und sehr eloquent so in den Raum zu stellen, als sei sie in Stein gemeisselt (vgl. auch meine “Das Parfum”-Rezension). Vielleicht liegt es in meiner authoritären Persönlichkeit?

Anyway, ich mag es nicht, wenn Leute ihre Meinung nach der meinen richten, denn so gut ist die nicht. Es gibt durchaus Beispiele von mäßigen Filmen, die mir gefallen, und es gibt jede Menge sogenannter “Klassiker” bzw. “Meisterregisseure”, die ich nicht mag (Godard, zum Beispiel).

Und durch das “sogenannte” und die Gänsefüsschen im letzten Absatz klingt das schon wieder so authoritär und als dürfe man Godard nicht mögen. Natürlich darf man das, genauso, wie man Steven Segal mögen darf oder irgendwelchen Direct-to-Video-Schrott.

Äh, Scheisse. Das klingt ja schon wieder so, als dürfe man Godard nicht wirklich mögen. Verdammt. Was ich sagen will: mögt doch, was ihr wollt. Mir doch egal. Beziehungsweise, nicht, denn ich möchte ja die Meinung anderer wissen, verstehen, warum sie bestimmte Filme mögen oder auch nicht, und dann vielleicht in der einen oder anderen Weise daraus profitieren, davon lernen.

Ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen: wenn ich mit Kumpels aus dem Kino gehe, dann tröte ich meine Meinung nicht mehr sofort heraus, sondern frage zuerst die Kumpels, was sie vom Film halten. Und setze mein bestes Pokerface auf, damit sie meine Meinung nicht erraten können.

Und das kann dann schon wieder zu Stress führen: mein gestriges Schweigen nach dem “Das Parfum”-Besuch hat Markus (siehe Kommentare) so gedeutet, dass mich der Film eigentlich mehr berührt hat, als ich zuzugeben bereit bin. In Wahrheit war es aber so, dass ich gemerkt habe, dass meinem Herrn Papa und auch ihm selbst der Film relativ gut gefallen hat (Achtung, Nasenspitzenlesung: Markus – ziemlich gut, Herr Papa – sehr gut, Armin – eher nicht). Und da mein Herr Papa ohnehin nur ein-, zweimal im Jahr ins Kino geht, wollte ich ihm den guten Eindruck vom Film nicht durch eine miesepetrige Meinung zerstören. Und lügen wollte ich auch nicht. Also habe ich mich auf ein “ganz OK” beschränkt und die ausführliche Kritik hier am Blog stattfinden lassen.

Möglicherweise sollte ich in Zukunft meine Meinung zu Filmen überhaupt nicht mehr äußern, sondern immer nur noch am nächsten Tag hier auf’m Blog festhalten, damit die jungfräulichen Meinungen meiner jungfräulichen Kumpels nicht von meiner großen, überlegenen, phallischen Filmspezialisten-Übermensch-Meinung durchstoßen werden. Bitte die eher seltsame sexuelle Metapher in diesem Paragraphen streichen.

Möglicherweise bilde ich mir das alles auch nur ein. Das mit der Zigeunerin stimmt aber wirklich.

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Gestern gesehen: Das Parfüm

Um gleich die brennendste Frage all derer zu klären, die das Buch gelesen haben: ja, der Schluss ist unverändert im Film.

Und, um den Eiligen unter euch die Leserei eines langen Textes zu sparen: ich finde den Film so mittel. Und vor allem sehr sehr sehr bieder. Bieder, bieder, bieder. Bieder bieder. Bieder,bieder, bieder, bieder. Bie-der. Bieder.

Bevor ich mich aber über den eigentlichen Film auslasse, möchte ich mich noch ein bisschen über die Medienpräsenz wundern, die der Film zur Zeit quer durch alle Medien hindurch bekommen hat. Zeit im Bild, Ö1-Mittagsjournal, FM4, jede Zeitschrift, Zeitung und jedes Magazin, alle machen sie mit. Und das passiert ja irgendwie mit einer gewissen Regelmäßigkeit, und zwar immer dann, wenn eine größere, typischerweise europäische Produktion, seeehr oft (mit)produziert von einem gewissen Herrn Bernd Eichinger, ihre Premiere feiert. Das führt mich zu drei logischen Schlussfolgerungen:

  1. Diese Medien sind den Filmen die sie vorstellen gegenüber völlig unkritisch. Achten sie einmal darauf, wie oft Paul Kraker und Konsorten tatsächlich ein Urteil über einen Film abgeben, tatsächlich Dinge sagen wie “Der Film ist eine wenig geglückte Umsetzung”, “Der Film ist Kackmist”, oder “Der Film ist total geil” – niemals, weil diese Medien offensichtlich versuchen, objektiv zu bleiben. Allerdings frage ich mich dann, wer aussucht, über welche Filme im Mittagsjournal berichtet wird. Objektivität my Ass – Hype-Alarm.
  2. Diese Medien haben keine Ahnung von Filmen. Ist doch logisch: Film ist im deutschsprachigen Raum nach wie vor als Kunst nicht sonderlich anerkannt, als Resultat kann sich der ORF zwar den Zogi als Theaterprofi leisten, und der Kraker weiss aus FM4-Zeiten sicher gut über Grindcore-Metal-Musik und was weiss ich noch Bescheid, bei Filmen habe ich aber so meine Zweifel. Ein geschickter Produzent könnte denen sicher den letzten Bockmist als hohe Kunst verkaufen.
  3. Bernd Eichinger ist ein geschickter Produzent. Ich bin mir sicher, dass Eichinger und natürlich auch andere ganz genau wissen, wie sie ihre Filme in den europäischen Medien hypen können. Und wie man in der Kulturrubrik der “Zeit im Bild” einen Bericht bekommt. Und mit dem Parfum hat er es wieder gezeigt: der Mann kann es. Der Mann kann Filme verkaufen.

Jetzt aber zum Parfum: Bernd Eichinger hat vor vielen Jahren mit “Der Name der Rose” etwas geschaffen, was man beinahe als eigenes Genre bezeichnen kann: europäische Großproduktionen, üblicherweise Literaturverfilmungen, im historischen Setting, auf den internationalen Markt gerichtet. Das ist leicht zu machen, weil die Kulissen in Form echter Schlösser, alter Dörfer und so weiter bereits vorhanden sind und lässt sich auch leicht vermarkten: in Europa kennt man oft die Romanvorlage (Umberto Eco, Patrick Süskind), und für die Amerikaner packt man einfach ein paar US-Schauspieler aus dem anspruchsvollen Eck rein: Alan Rickman und Dustin Hoffman, zum Beispiel. (Der Zuseher wartet allerdings vergebens, dass plötzlich John Malkovich aus irgendeiner Ecke springt, “Hallo, ich bin wie immer auch dabei!”).

Bei “Der Name der Rose” hat das aussergewöhnlich gut funktioniert. Der Film ist düster, stimmungsvoll, mainstreamtauglich und anspruchsvoll zugleich. Alle Nachfolger (von denen man hier in Europa doch pro Jahr ein oder zwei produziert) sind erwartungsgemäß zumeist langweilig und nach Schema F umgesetzt.

Das gilt auch für das Parfum. Ich habe das Buch vor Äonen von Jahren damals in meiner Schulzeit lesen dürfen müssen - und wenngleich ich mich nicht mehr wirklich in der Lage sehe, Buch und Film unmittelbar zu vergleichen, so kann ich mich doch gut an die Stimmung und Atmosphäre erinnern.

Und hier passt sofort eine Aussage von Regisseur Tom Tykwer hinein, die ich bei all der Medienpräsenz des Films sicher fünf bis sieben Mal gehört habe: Tykwer wollte (dem Buch entsprechend) das 18. Jahrhundert als dreckigen Ort darstellen, als Ort voller Gerüche.

Hat er aber nicht. Die Optik des Films ist nämlich so sauber, dass sie beinahe schon als steril zu bezeichnen ist. Klar, jede Figur hat noch mehr Fake-Dreck im Gesicht als die vorige, aber durch den überhöhten Kontrast und die starke Helligkeit wirkt dieser Dreck so sauber, als könnte man davon essen. Die Optik beraubt den Film jeglicher Textur.

Und damit nicht nur jeglichen Drecks, sondern auch jeglichen Geruchs. Und das ist bei einem Film rund ums Riechen fatal. Der geneigte Leser mag jetzt einwerfen, dass ausgerechnet der Geruchssinn nur sehr schwer in andere Medien übertragbar ist. Dem möchte ich zwei Dinge entgegenstemmen. Erstens: Patrick Süskind hat es in seinem Buch geschafft, und zwar sehr gut. Zweitens: sehen sie sich (und ich weiss, das ist ein blödes Beispiel, aber das einzige, das mir auf die Schnelle einfällt) den kürzlich von mir rezensierten “Willy Wonka und die Schokoladenfabrik” an. Im Vorspann wird die Produktion von Schoki gezeigt, und zwar in einer Weise, dass es ein Fest für alle Sinne ist – und unverschämten Appetit macht. So viel Appetit, dass mich die bloße Erinnerung daran jetzt auf der Stelle dazu zwingen wird, eine ganze Tafel “Milka Schoko und Keks” zu verschlingen. Schling, schling.

Äh, zurück zur Optik von “Das Parfum”. Die Gerüche fehlen einfach. Tykwer scheint ja eh verstanden zu haben, wie man Gerüche bildlich sichtbar macht: indem man das Gerochene (Mirabellen, Wildleder, madenzerfressene Ratten, was auch immer) zeigt. Nur kapiert Tykwer nicht, wie man das richtig macht. Ich bin ehrlich gesagt die ganze Zeit im Kino gesessen und hätte am liebsten rausgebrüllt: “Geh näher ran mit der verdammten Kamera! Bleib länger drauf! Was soll denn das? Der Zuseher soll doch die TEXTUR des verdammten Objekts erfassen können!” – Tykwer hingegen macht immer so komische halbtotale, superkurze Aufnahmen, die dem Zuseher überhaupt kein Gefühl für die entsprechenden Gerüche vermitteln. Selbst die madenzerfressenen Ratten reichen auf der 15-jährige-Mädchen-Schrei-Skala nur für ein vereinzeltes Iih oder Uuh – mehr scheint nicht drin zu sein.

Verwunderlich, da ja ausgerechnet Tykwer dank “Lola rennt” (ein Film, den ich nicht mag) als eher vergimmickter Regisseur bekannt ist. Hier hat er sich aber offenbar nicht genug Mühe gegeben. Ebenso fehlen leider auch die Kontraste – ein Buch, das mit seinen schönen Gerüchen in einer hässlichen Welt an allen Ecken und Enden das Potential für Kontraste bietet, wird zu einem Film, dessen einziger Kontrast der wie erwähnt viel zu stark aufgedrehte Kontrast der Kamera ist.

Weiters hat man sich offenbar bemüht, alle Ecken und Enden des Buches glattzufeilen, es etwas biederer zu gestalten. Wenn man die aktuelle Medienberichterstattung und vor allem die Reaktionen darauf betrachtet, so entsteht der Eindruck, der Film müsse beinahe unansehbar hart und hässlich sein – in Wahrheit ist das nur der Ruf des Buches, der auf den Film überschlägt. Der Film ist, ich glaube, ich habe es schon erwähnt, bieder, bieder, bieder.

Grenouille ist weder hässlich noch entmenschlicht, seine Opfer sind nicht minderjährig, die Welt ist recht ordentlich, sogar die Maden in den Ratten sind relativ sauber. Was soll das? Wo ist die schmutzige, widerliche Welt des Buches hin, in der ein hässlicher Mensch durch extrem hässliche Taten etwas Schönes schafft? Warum ist Grenouille auf einmal ein durchschnittliches Emo-Kiddie? “Grenouille” bedeutet “Frosch”, verdammt noch mal, und entsprechend sollte der Typ auch aussehen.

Und dann möchte ich noch ein bisschen die Drehbuchautoren (Tykwer, Eichinger, und Andrew Birkin, der auch schon an den Drehbüchern zu “Der Name der Rose” und Bessons “Johanna von Orleans” gearbeitet hat) beschimpfen: das Drehbuch ist nämlich nicht besonders gut.

Zwei klare Indikatoren dafür, dass eine Literaturadaption nicht besonders geglückt ist: wenn der Film im Verhältnis zum Buch ungewöhnlich lang ist (“Das Parfum” ist ein durchschnittlich langes Buch, aber ein anstrengend langer 150-Minuten-Film), und, wenn es offensichtlich nicht gelingt, das Buch zu adaptieren, ohne, dass ein Erzähler aus dem Off Teile des Textes vorlesen muss. Speziell, wenn das so wie beim Parfum eher willkürlich geschieht: der Erzähler darf am Anfang und am Ende plaudern, dazu noch an mehreren Stellen mittendrin, allerdings ohne echtes Muster.

Dazu kommt ein völlig seltsames Tempo: der Film beginnt, ich möchte höflich bleiben und sagen: lang…atmig. Lang, lang, lang, lang, lang, viel zu lang. Nicht “gut lang”, dass man eine intensive Bindung zu den Figuren aufbaut oder was auch immer, sondern an vielen Stellen einfach nur lang. Nach dem eigenartigen Rollenwechsel (warum das FunpleXXX da eine Mini-Pause in der Mitte machen muss, ist mir unklar) kommt dann auf einmal eine kurze Strecke, in der der Film auf einmal lächerlich schnell weitermacht: die Morde nämlich, die in einem Tempo erzählt werden, das den Film kurzzeitig beinahe in Slapstick abgleiten lässt. Der Schnitt vermittelt tatsächlich den Eindruck, der Projektionist hätte irrtümlich die falsche Projektionsgeschwindigkeit erwischt.

Aber das hält nicht lange, und so fällt der Film nach kurzer Zeit wieder zurück in den alten, langatmigen Stil. Bäh. Ein etwas ausgeglicheneres Tempo über den ganzen Film hätte nicht geschadet.

Ich möchte einen meiner Mit-Kinogänger zitieren, der gesagt hat: “Ich verstehe nicht, was an dem Film so schlimm sein soll.” Gar nichts. Es wurde alles glattgebügelt und abgefeilt, was den sporadischen Kinogänger abschrecken könnte, und damit auch das, was das Buch zu einem Bestseller über Jahrzehnte gemacht hat. “Sporadischer Kinogänger”, das ist ein gutes Stichwort. Davon scheint es für diesen Film genug zu geben, der Saal war proppenvoll. Und dank seiner Glattgefeiltheit wird der Film bei diesen Leuten ein großer Erfolg sein und der Hype wird sich ausgezahlt haben. ”Das Parfum” wird im deutschsprachigen Raum sicher erfolgreicher sein als “Superman returns”, was für mich schon ausreicht, den Film nicht zu mögen. Dennoch: nach all der Kritik meinerseits (und nach der offenen Aussage: ich mag den Film nicht) muss ich klar sagen: er ist ein guter, solider Film. Ein guter Film, aber eine sehr schlechte Adaption.

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Gestern gesehen: Politik, Ballermänner und … Kraken

Celebrity Deathmatch: Strache vs. Pröll, mit der Turnherr als Beisitzerin. Ergebnis: Pröll gewinnt für mich ganz klar vor Strache, hat argumentativ die Überhand (was erfreulich ist, weil ja normalerweise die Kampfrhethoriker von BZÖ und FPÖ immer viel zu gut aussteigen) – dennoch – übermäßig sympathisch wirkt er damit auch nicht. Ich verzichte allerdings auf tiefere Betrachtungen, und verweise stattdessen lieber auf den “Sumpf” der DerStandard.at-Live-Berichterstattung und der parallel mitlaufenden Keif- und Stänkerforen.

Danach: Dear Wendy, ein Film von Regisseur Thomas Vinterberg und Drehbuchautor Lars von Trier, zuletzt gesehen auf dem Fantasy Filmfest 05, wo der Film als mitunter reichlich missverstandener Aberschlussfilm lief.

Was verwunderlich ist, denn so unmissverständlich und plakativ wie dieser Anti-Schusswaffen-Film war zuletzt höchstens Bowling for Columbine. Der Film sollte eigentlich “In Your Face” heissen, weil er so direkt ist, wenn es darum geht, dem Zuseher die Botschaft einzuhämmern.

Das Kuriose daran wiederum ist, dass (zumindest laut “Trivia”-Sektion der IMDb) Vinterberg und Von Trier beide behaupten, dass der Film keine Allegorie auf Amerika und Schusswaffen sei (was der Film dennoch völlig offensichtlicherweise ist). Aber ich rechne das den beiden unter “fortgeschrittenem Posertum” an, was ja gerade für Von Trier und die ganze Dogme95-Bewegung chronisch zu sein scheint.

Von Trier ist da ohnehin für mich ein rotes Tuch: nimmt sich heraus, in seinen Filmen beinahe ausschliesslich Amerika und dessen Probleme zu thematisieren, obwohl er sich damit brüstet, selbst nie dort gewesen zu sein (weshalb seine Filme oft auch mehr im “Fernseh-Amerika” zu spielen scheinen als im richtigen, sozial relevanten Amerika). Von Trier ist ziemlich weit oben auf meiner Liste der Leute, die ich, wenn ich sie treffen würde, vermutlich nicht ausstehen könnte.

Amüsanterweise hält mich das absolut nicht davon ab, seine Filme zu mögen. Natürlich, wenn mir jemand mit denselben Aussagen über Amerika in einem Gespräch kommen würde, würde ich ihn der gröbsten Verallgemeinerung beschuldigen, bzw. darauf verweisen, dass seine Aussagen auf einem mickymausifizierten TV-Amerika beruhen und nicht auf der Realität – in Von Triers (und dessen Handschrift ist beinahe die dominante im Film, zumindest, was die Handlung angeht) überplakativ-postmoderner Welt voll von nicht immer treffsicheren Stil-Zitaten machen derartige Platitüden beinahe schon wieder Spaß.

“Dear Wendy” erinnert in seiner björkig-tapsigen Art ein bisschen an Dancer in the Dark, in seinen ungeschickten politisch-gesellschaftlichen Metaphern an Dogville – dazu jede Menge Zitate aus amerikanischen Filmen (inklusive patentiertem Peckinpah-Ende) – kurzum, ein amüsanter, durchaus guter Film.

Danach ein harter Wechsel – zu Bride of the Monster, Ed Woods einzigem zumindest ansatzweise kommerziell erfolgreichem Film. Kommerziell erfolgreich dann, wenn man nicht miteinberechnet, dass Wood das getan hat, was sonst nur Zero Mostel und Gene Wilder in “The Producers” geschafft haben: den Film doppelt und dreifach zu verkaufen.

Der Film fällt sofort durch seine relativ stringente, klare Handlung auf (vor allem im Vergleich zu dem chaotischen Sauhaufen der da heisst “Drehbuch zu Plan 9″) - allerdings passiert eigentlich so gut wie nichts. In der ersten Hälfte des ohnehin nur 70-minütigen Films wird verdammt viel heisse Luft geplaudert. Ich sehe vor meinem geistigen Auge den guten Ed am Set, wie er auf die Armbanduhr blickt und den Schauspielern gestikuliert, dass sie noch ein bisschen länger schwafeln müssen, damit der Film Spielfilmlänge erreicht.

Dafür gibts dann einen bösen Wissenschaftler (Bela Lugosi in seiner letzten Sprechrolle, in “Plan 9″ hatte er ja nicht wirklich viel zu sagen) mit einem Mienenspiel, das Jim Carrey wie einen Gesichtsgelähmten erscheinen lässt und den patentierten Lugosi-Handbewegungen, die förmlich das Wort “Sehnenscheidenentzündung” herauszubrüllen scheinen. Dann gibts noch den zweiten bösen Wissenschaftler, der laut Wikipedia Deutscher sein soll, aber eher in einem russisch-schottischen Konglomerat-Akzent spricht. Ausserdem: Tor Johnson als kugelsicheres Riesenbaby namens Lobo, eine Schauspielerin, die nicht schauspielern kann, und ein Vogel, der mit weniger als 5 Minuten Screen Time die Herzen der Zuseher erobert.

Der einzige, der dem Vogel an Coolness beikommen kann, ist allerdings jener legendäre Kraken, den Wood angeblich aus einem Studio-Lager gepfladert hatte, und der dann aufgrund des fehlenden inneren Motors im Film ein recht statisches Dasein fristet, sofern nicht der gerade verschlungen werdende Schauspieler selbst die Initiative ergreift, oder, sofern der Oktopus durch schlecht dazupassende Stock Footage vertreten wird.

Überhaupt ist die extreme Häufung an schlecht eingesetzter Stock Footage in diesem Film relativ auffällig; schlecht verwendete Stock Footage kennt man ja schon aus “Plan 9″, hier wird es aber schon beinahe dreist. Der elegant durch eine Unterwasserlandschaft schwebende echte Oktopus versus das relativ plump in eine Pfütze geworfene, völlig unbewegliche Imitat, so etwas hat sich wirklich nur der Herr Wood getraut.

Besondere Aufmerksamkeit sollte der geneigte Zuseher Bela Lugosi schenken: dieser erklärt (ACHTUNG EXPOSITION) relativ früh im Film, dass die “atomaren Übermenschen”, die er gerne erschaffen möchte, superstark und riesengroß sind. Als Lugosi selbst irrtümlich in einen solchen Übermenschen verwandelt wird, wird der Vergrößerungseffekt durch Travoltaeske Disco-Plateau-Sohlen erzielt. Ah, ah, ah, ah, Staying aliiiive…

Zumindest, das kann man nicht abstreiten, hat sich der Herr Edward D. Wood, Jr. immer viel Mühe gegeben mit seinen Filmen – und die ab und an aufgestellte Theorie, dass sich in seinen Stümpereien ganz tief drinnen irgendwo ernste und mit Herzblut entwickelte Ideen verstecken, lässt sich auch nicht hundertprozentig vom Tisch weisen. Hauptreiz der Wood’schen Filme ist und bleibt dennoch die ungeheuerliche technische Umsetzung – so bad it’s good again.

 

 

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