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Gestern gesehen: Alltagsphilosophien und Jazz-Déjà-Vus

 

  

Allein schon für das Sonderzeichen im Titel hätte der Film I Huckabees einen Preis verdient. (Für alle, die das bei meiner kleinen Schrift nicht erkennen: das ist ein kleines Herzchen, das da zwischen dem “I” und dem seltsamen Phantasiewort sitzt.)

Kurz zur Handlung: Jason Schwartzman und später auch Mark Wahlberg haben schwerwiegende existenzielle Fragen: bei Schwartzman geht es um Freiflächenerhaltung und einen Afrikaner, bei Wahlberg um Petroleum. Probleme, die sich nur von den existenziellen Detektiven (Lily Tomlin und Dustin Hoffman) lösen lassen. Aber auch die Konkurrenz schläft nicht: Isabelle Huppert ist in Reichweite, um mit ihrem Nihilismus die Sicht der Dinge zu verdüstern. Und auch Yuppie-Pärchen Jude Law und Naomi Watts machen die Situation nur schwieriger. Letztlich läuft alles auf eine Frage hinaus: wo hört Dustin Hoffmans Nase auf, und wo fängt das Universum an?

“Huckabees” ist ein Film, an dem alle Beteiligten sichtlich jede Menge Spaß hatten. Als Resultat entwickelt der Film eine Energie, wie man sie nur selten erlebt: die Figuren düsen mit einer an Slapstick grenzenden Rasanz durch die wunderschönen Aufnahmen, wurschteln herum, werfen Dinge, radeln von A nach Z und wieder zurück – dennoch schafft es der Film, gleichzeitig eine gewisse philosophische Ruhe (oder doch Unruhe?) zu erzeugen, eine Atmosphäre, die beruhigt und beunruhigt zugleich.

Philosophie ist ein gutes Stichwort: dieser Film ist für Menschen, denen “42″ nicht als Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem anderem reicht: wer bin ich warum bin ich nützt das alles etwas bin ich der Mittelpunkt des Universums oder nur eine zufällige Verdichtung von Astrodreck warum soll ich überhaupt wen interessiert’s und was hat Shania Twain damit zu tun.  Die pure Dichte an philosophischen Überlegungen und unterschiedlichen Lebensansichten in diesem Film ist – enorm.

Man mag zwei Dinge einwerfen: erstens ist der Film chaotisch wie kein zweiter und auf den ersten Blick ein einziger großer, dicker Mangel an Struktur. Es gibt keine übergeordneten Gedanken, die plötzlich Sinn machen, keine schön verwebten Plots, keine Holzhammer-Erklärungen zu den irren Gedanken, die plötzlich wie Geistesblitze auftauchen und wieder verschwinden. Na und. Meiner Meinung nach passt der strukturfreie Chaos-Stil ausgezeichnet zum Inhalt des Films.

Zweites Problem (und das ist gravierender): die “Auflösung”, die “große Antwort”, das, was unter dem Strich übrigbleibt. Das ist nämlich so banal und oberflächlich (manche Leute würden sagen: Hollywood-mäßig), dass es eigentlich eine Enttäuschung ist. On Par mit Monty Pythons Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens (nur, dass es dort ein Witz ist). Das ist halt da klassische Problem: wenn ein Film (Buch, Comic, Musikstück, Hörspiel, Theater, Oper, Operette,…) sich das Ziel setzt, eine einfache Antwort auf die große Frage zu geben, wird entweder die Antwort der Frage nicht gerecht, oder die Antwort muss zwangsläufig lauten “es gibt keine Antwort”. Die Leute haben Jahrtausende lang versucht, brauchbare Antworten zu finden, und die möglichen Antworten bis jetzt umfassen unter anderem Nihilismus, 42, Himbeereis und Scientology. Toll. Die Chance, dass ein Indie-Film von 2004 also eine bessere Antwort präsentiert, ist eher gering.

Um ein adäquates Ende zu haben, müsste der Film unendlich lang sein, keinerlei Abschluss enthalten, aber immer ein bisschen weiterkommen. Das geht aus rein praktischen Gründen nicht, also muss man sich damit zufrieden geben, dass man knappe 100 Minuten lang mit äußerst stimulierenden philosophischen Fragen (und vielleicht auch Antworten) bombardiert wird. “Huckabees”, das ist kein Film für gelangweilte Gelegenheitsgucker, die vor der Glotze das Hirn ausschalten wollen, sondern ein Film, der tagelanges intensives Nachgrübeln zur Folge hat. Vorsicht, Hirn-Überlastungsgefahr.

Danach ist mir etwas passiert, das mir genau alle tausend Filme einmal passiert: ich sehe einen Film, und er gefällt mir richtig gut und dann… das, was mir alle tausend Filme einmal passiert, kommt aber erst am Ende meiner Meinung zu Francis Ford Coppolas Cotton Club.

Mit Starbesetzung (Richard Gere, Gregory Hines, eine ans unverschämt grenzend süße Diane Lane, ein verblüffend an Edward G. Robinson erinnernder Bob Hoskins, ein noch völlig unbekannter Coppola-Neffe Nicolas Cage, sowie Laurence Fishburne) reist Coppola zurück ins Jahr 1930, und zwar inhaltlich wie auch stilistisch. Mehr als die meisten anderen modernen Filme, die in der Prohibitionszeit spielen, bemüht sich “Cotton Club”, an klassische Prohibitionsfilme a la “Die wilden Zwanziger” anzuknüpfen.

Handlung: der “Cotton Club” ist ein edler Nachtclub, in dem sich Hund und Katz, Gangster und Prominenter die Hand geben, in dem Jazz und leichtbekleidete Mädchen regieren, in dem Schwarze auf- aber nicht eintreten dürfen. Dixie Dwyer (Gere), talentierter Jazzmusiker, mogelt sich irgendwie an der Grenze zwischen Gangstertum und Musikerdasein durch. Tangiert wird sein Leben von Sandman Williams, einem schwarzen Stepdänzer, der im Club Karriere macht, Vera Cicero, dem Mädchen, das vom eigenen Club träumt und seinem Bruder Vincent “Mad Dog” Dwyer, der mit dem Ganoventum liebäugelt.

“Cotton Club” gehört zu den unbekannteren Coppolas. Das Schöne an Francis Ford Coppola ist, dass er irgendwo zwischen dem ersten und dem letzten “Paten” zehn Millionen Filme gemacht hat, die keiner kennt, und die man dann langsam über die Jahre entdecken kann. Dieser ist so ein Beispiel: ein exzellenter, kaum bekannter Film, der einen Blick mehr als wert ist.

Und mitten unterm Film wird mir klar, dass ich ihn schon einmal gesehen und dann völlig vergessen habe.

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