www.peterhengl.com

Die Sache mit den Eltern…

Jeder Mensch hat Eltern, so auch ich. Darauf will ich aber nicht hinaus, sondern vielmehr auf Personen, mit denen es extrem schwierig ist, einen Film zu geniessen. Paradebeispiel dafür sind für mich meine Eltern.

Normalerweise sehe ich Filme ohnehin allein oder mit Kumpels, ab und an will ich dann aber doch den Eltern etwas Gutes tun (für die Bildung und so) und suche einen besonders schönen Film aus, der ihnen gefallen könnte. (Zugegeben: I ♥ Huckabees war eine blöde Wahl). Und dann beginnt das Spiel.

Phase 1: die Verzögerung. Plötzlich finden sich circa zehn Millionen Kleinigkeiten, die noch unbedingt vor dem Film erledigt werden müssen. Vom mitternächtlichen Wäscheaufhängen über Altpapier-Abtransport bis zum gewöhnlichen Stuhlgang habe ich eigentlich schon alles erlebt. Das wäre ja nicht schlimm, hätte ich gewöhnlich nicht noch vor, nach dem Film mindestens einen weiteren Spielfilm und vielleicht auch die eine oder andere Serien-Episode zu sehen. Das heisst, es kann dann später werden. Wenn ich meine Eltern dann bitte, ein wenig weiterzumachen, werde ich meistens sanft darauf hingewiesen, dass andere Menschen (=meine Eltern) tagsüber arbeiten, anders als gewisse faule Individuen (=Filmblog-Schreiber/Studenten) und diese Arbeiten gemacht werden müssen. Recht haben sie ja, aber irgendwie fühle ich mich doch ins Eck gestellt.

Phase 2: die Ablenkung. Alle haben ihre Plätze eingenommen, der Film beginnt, eine gute Gelegenheit, das Tagesgeschehen noch einmal zu besprechen. Alternativ klingelt auch auf einmal das Telefon, Snacks müssen aus der Küche geholt werden, die Pausetaste wird abgenützt. OK, ok, irgendwer muss ja ans Telefon gehen…

Phase 3: das Ende. Meine Eltern realisieren, dass sie den Film, den sie gerade vorgesetzt bekommen, nicht mögen. Manchmal führt das zu einem vorzeitigen Abbruch der Vorführung (a.k.a. meine Eltern strecken die Arme und proklamieren, wie müde sie doch auf einmal sind und dass ich gerne alleine weitersehen könne), manchmal hält man bis zum bitteren Ende durch. Wichtig ist, dass man noch dezent seine Meinung durchklingen lässt. Auf eine Weise, die zurückhaltend und freundlich klingt, den filmtelepathisch veranlagten Blogschreiber (siehe früherer Eintrag) aber natürlich beinhart wissen lässt, wie wenig man wirklich von dem Film hält. Man sagt einfach “Dieser Film war aber …” und ergänzt je nach Situation “verrückt”, “seltsam”, “alt”, “grausig”, “lang”, “traurig”.

Was kann ich denn dafür, dass ich weder “Tatort” noch den “Winzerkönig” besonders mag, und dass ich “Universum” im zarten Alter von 15 Jahren langsam entwachsen bin? Ich habe mir ohnehin abgewöhnt, meinen Eltern mit Fellini, Hitchcock oder Filmen von vor 1980 zu kommen. Das hat nur dazu geführt, dass ich regelmäßig mit einem verachtenswerten Satz gestraft wurde: “Du magst ja nur … Filme” (alte, grausige, seltsame, fade,…) – egal, wie sehr sich das gegenseitig auszuschliessen vermag. Argh!

Das, was mich an dem Satz so stört, ist klarerweise nicht die Unterstellung, ich würde alte( /grausige/seltsame/…) Filme mögen, sondern dieses schrecklich einengende Wörtchen “nur”. Ich mag eben nicht “nur” eine Art von Filmen, sondern bin gerne bereit, auch einmal über den Tellerrand zu blicken (und mir z.B. gegen mein übliches Interesse eine Episode von “CSI: Miami” anzusehen). Ich will mehr.

Die, die “nur” eine Sorte von Unterhaltung zu mögen scheinen, sind hingegen (Achtung: schöne Überleitung zurück, der Kreis schliesst sich) meine Eltern, für die Unterhaltung vor allem eines sein muss: relativ anspruchslos. Dabei, und das sei auch gesagt, geben sie sich allerdings meistens nicht mit der prolligen Sorte anspruchsloser Unterhaltung zufrieden, sondern spielen eher im Mittelfeld. Universum, Tatort, solche Sachen eben. Sobald eine Sendung aber auch nur minimalst eine formelle Herausforderung an den Seher stellt (also das, was man traditionell als “anspruchsvolle” Filme bezeichnet), meiden sie es wie der Teufel das Weihwasser.

Warum legen meine Eltern Wert darauf, dass ihre Fernsehunterhaltung ihnen nichts wirklich Neues bietet? [Denn darauf läuft es hinaus...] Sie haben mir selbst eine Begründung gegeben: weil sie nach einem langen, harten Arbeitstag das Hirn lieber aus- statt einschalten.

Und das bringt mich zu einem riesigen Gedankengang, den ich hier nicht mehr weiter ausführen will, weil er vom Thema “Film” doch sehr abweicht. Weil er mir aber doch Angst macht, stelle ich hier einen Basissatz hin, von dem aus jeder seine eigenen Ideen weiterspinnen kann: Betäubt Arbeit das Gehirn? Und wird das auch mir passieren?

Kommentar schreiben