Gestern gesehen: bunter Mix aus US-Indie, Hongkong, Frankreich
Todd Solondz: einer dieser Filmemacher, die man wirklich als “Indie” im ganz, ganz harten Sinne bezeichnen kann. Seit 1995 kommt er (nach davor eher sporadischen Arbeiten) unter einem Stein hervorgekrochen und liefert einen von Kritikern gelobten, aber völlig publikumsfremden Film ab. Vermutlich war mir sein Name deshalb bis jetzt kein Begriff. Sein jüngster Film, Palindrome (2004), war gestern meine Initiation in Solondz’ Schaffen.
Nach dem Tod ihrer Cousine träumt die 13-jährige Aviva davon, Kinder zu bekommen. Eine Begegnung mit dem Sohn eines befreundeten Ehepaares lässt sie diesem Wunsch näher kommen. Doch Avivas Eltern (u.a. Ellen Barkin) überreden sie zu einer Abtreibung, die, was Aviva nicht weiss, sie unfruchtbar macht. Aviva läuft von zuhause weg und landet nach einer Begegnung mit einem pädophilen Trucker bei einer freundlichen Familie fundamentalistischer Christen…
Solondz macht es seinen Zusehern nicht leicht: stilistisch ist Palindrome konventionell, aber schwer verdaulich. Für Irritation sorgt im ersten Moment vor allem der seltsame Kniff, dass Aviva in jedem Abschnitt von einer anderen Schauspielerin (5 Mädchen, 2 Frauen, 1 Junge) gespielt wird - ein Kniff, den Solondz sich wohl vom gedoppel-Lottchen-ten Dieses obskure Objekt der Begierde vom großen Bunuel (diese Woche übrigens im Fernsehen) abgeschaut hat.
Inhaltlich ist Palindrome erfrischend ambivalent: die Fundi-Christen sind nett, aber radikal, Avivas Pro-Abtreibungsfamilie kalt und emotional losgelöst - die Pädophilen sind nett, aber — pädophil. Und nichts ist eindeutig oder gibt dem Zuseher die Möglichkeit, dem Film eine eindeutige Stellungnahme zu entlocken.
Trotz der aktuellen Themen wirkt der Film von der Realität völlig entfernt – Aviva befindet sich in einem seltsamen Märchenland, Vergleiche mit Alice im Wunderland oder dem Zauberer von Oz sind angemessen und erwünscht. Das irritiert, und erinnert, wie dieser exzellente Artikel aus dem Guardian sehr schön bemerkt, an Jonathan Swift.
Insgesamt mag man dem Film aber doch ein bisschen vorwerfen, ein bisschen zu chaotisch für sein eigenes Wohl zu sein – Palindrome ist eine der exzentrischeren, aber nicht unbedingt eine der besten amerikanischen Indie-Produktionen. Dennoch: ein feiner Film.

Danach ein ganz brandaktueller Film: Infernal Affairs (2002) ist die Vorlage zu Scorseses Neuem, The Departed. Letzteren möchte ich baldigstmöglich sehen, ein guter Grund, mir vorher schnell noch einmal das Original reinzuziehen. Das hat mir seinerzeit, 2004, als ich es das erste Mal sah, nicht undbedingt die Socken ausgezogen – ein solider Copfilm, so war meine Einschätzung damals.
Und daran hat sich nicht viel geändert: die Geschichte vom Undercover-Cop in der Mafia, und dem Mafia-Maulwurf in der Polizei, die sich gegenseitig jagen, ist nach wie vor sehr originell, aber bieder-solide umgesetzt. Stilistisch ist Christopher Doyles Kameraarbeit exzellent wie immer, der Schnitt ist allerdings etwas zu flashig, und manchmal ein wenig zu aufdringlich.
Ich bin wesentlich mehr auf Scorseses Remake gespannt, das ja da und dort Lob bis zum Umfallen einheimst und offensichtlich auch ein guter Anwärter auf die kommenden Oscars sein wird.
Und danach noch einer der ganz großen Klassiker, Bestie Mensch (1938) von Jean Renoir und mit Jean Gabin und Simone Simon. Bestie Mensch gilt (als Bestandteil des französischen poetischen Realismus) als große Vorlage des Film Noir. Und den mag der Flimkling ja gerne.
Gabin gibt Jacques Lantier, einen Lokomotivführer (so richtig mit Dampflok) auf der Strecke Paris – Le Havre. Lantier, der insgeheim das Bedürfnis verspürt, jungen Mädchen an die Gurgel zu gehen, trifft auf den Bahnhofsvorstand von Le Havre und dessen junge, hübsche Frau (Simon). Letzterer hat selber gerade einen Mann um die Ecke gebracht, nämlich den Paten seiner Gattin, einen reichen Mann, der junge Mädchen (inklusive ebengenannter Gattin) missbraucht hat. Der Mord führt aber zur Entfremdung der Eheleute und Simons vermehrtem Interesse an Gabin.
Klingt ziemlich grausig für’s Jahr 1938, nicht? Ist es auch. Dem damaligen Publikum muss “Bestie Mensch” unendlich grausam und brutal vorgekommen sein – in Kombination mit der unglücklichen Liebesgeschichte ein starker Film.
Und dazu kommt, dass der Film “Noir” tatsächlich schon ins Gesicht geschrieben hat: Simon ist eine Vorzeige-Femme-Fatale, die Geschichte genauso düster wie der Look des Films. Ein Film, der zu Recht als Klassiker gilt.


