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Gestern gesehen: indische Tiger und irische Ratten

Fritz Lang hat ja seine großen Erfolge alle vor seiner NS-bedingten Emigration in die USA abgeliefert. M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Metropolis, so gut wie jeder Lang-Film vor seiner Emigration ist ein Klassiker der (Stumm-)Filmgeschichte. Die US-Filme sind alle recht brauchbar, vor allem die Noirs, Als Über-Drüber-Klassiker in der selben Liga wie die obengenannten qualifiziert sich bestenfalls The Big Heat.

In den späten Sechzigern ist Lang dann noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt, um für CCC/Arthur Brauner seine drei letzten Spielfilme abzuliefern. Langs Allerletzter ist der erste der Sechziger-Jahre-Mabuse-Filme, davor hat Lang noch zwei Abenteuerfilme abgeliefert: Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal. Beide zusammen sind eine Adaption von “Das indische Grabmal”, einem Roman von Langs Gattin Thea von Harbou. Ersterer lief gestern auf 3sat, zweiterer wird morgen laufen und wohl baldigst von mir rezensiert werden.

Harald Berger ist ein deutscher Ingenieur, der an den Hof des Maharadscha von Eschnapur bestellt wurde, um dessen Palast zu renovieren. Unterwegs rettet der schneidige Berger die schöne Tempeltänzerin Seetha vor einem Tiger, was ihm deren Gunst einbringt. Leider ist Seetha auch schon Ziel des amourösen Interesses des Maharadscha. Der begibt sich damit aber auf dünnes Eis, denn diverse Berater und nahe Verwandte wollen ihm sowieso ans Leder – wenn er dann noch romantischerweise ausserhalb seines Standes am Weg ist…

Der Film hat genau drei Elemente, die ihn interessant machen: erstens ist er ein herrlich altmodischer Abenteuerfilm, ausgetragen in einem Indien, das irgendwo zwischen Kinderbuchphantasie und Märchenland angesiedelt ist, zweitens sind die größtenteils in Indien gedrehten Farbaufnahmen zum Augenausfallen schön, und drittens sind die Kostümchen von Debra Paget sehr knapp – besonders, wenn sie ihre Oberschenkelmuskulatur in wilden Verrenkungstänzen eindrucksvoll zur Schau stellt.

Handlungsmäßig ist der Film sehr … old school. So ein bisschen Enid-Blyton-Abenteuerroman. Nett, klischeeverseucht, aber sicherlich nicht herausragend. Im Gegenteil: es gibt klare Negativpunkte für die allzu naiv-kolonialistisch geprägte Sicht auf Indien. Mit Nutella geschminkte Deutsche tummeln sich in den indischen Hauptrollen, geben allerlei Platitüden über die indische Weltsicht von sich. Harald Berger, der Deutsche, ist ein unaufhaltsamer Übermensch, der im Gegensatz zu allen Indern weiss, dass Tiger sich vor Feuer fürchten, und in einer Szene zu Beginn des Films kein Problem hat, zwei indische Hänflinge mit je einer Hand aufzulupfen und ihre Schädel zusammenkrachen zu lassen. Bud-Spencer-Style.

Dennoch: der Film ist nie abwertend gegenüber Indien, Indien wird in freundlich-naiver Kinderbuchsicht als geheimnisvolles Land mit einer alten, faszinierenden Kultur dargestellt, sogar die “bösen” Figuren bekommen deutlich mehr Charakterisierung als nur das “finsterer Ausländer”-Klischee.

Ein richtig schön altmodischer Abenteuer-Film! Das Ende (und der sehr indezente Hinweis auf die Fortsetzung) mag ein wenig aprupt sein – ich werde die 3sat-Ausstrahlung von Das indische Grabmal am Montag auf jeden Fall aufzeichnen und baldigst eine Rezension hinterherschicken.

Danach ein Film, den ich gestern quasi schon angekündigt habe: The Departed, Martin Scorseses Neuer. Und bevor ich irgend etwas zum Film selber sage, muss ich sofort meinen Grant über die (wieder einmal) unzufriedenstellende deutsche Betitelung abbauen: “The Departed”, das bedeutet (in Singular oder Plural) “der Weggegangene” bzw. “der Verstorbene”. Die Phrase wird im Film ganz klar verwendet, und wer den Film gesehen hat (die Leute, die sich den deutschen Titel ausgedacht haben, eindeutig nicht) weiss, wie das gemeint ist. “Departed – Unter Feinden” befreit den englischen Teil des Titels völlig von jeglichem Sinn und lässt das bei uns kaum gebräuchliche Wort “Departed” als reines Coolness-Token stehen, ergänzt um einen nicht sehr raffinierten, aber zumindest angemessenen deutschen Untertitel. Bitte: entweder - oder! “The Departed – Unter Feinden”, oder gleich “Unter Feinden”, aber nicht einen wichtigen Teil des Titels (”The”) weglassen! Ich glaube, ich muss froh sein, dass im Deutschen nicht “Born 2 Die 4 You” oder ein vergleichbarer Titel-Mist daraus geworden ist. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich hier wieder einmal über triviale Kleinigkeiten aufrege, was ja bekanntermaßen ganz schlecht für den Blutdruck ist, sollte ich besser zum eigentlichen Film übergehen. Ja.

Ich bin an sich ein großer Bewunderer von Martin Scorseses Filmen. Scorsese liefert seit Jahrzehnten Filme ab, die von exzellent bis solide einzustufen sind, ohne dabei wie so manch anderer Regisseur echt zu schwächeln. Wirklich schlechte Scorsese-Filme kenne ich bis jetzt keine – Reaganismus-Feel-Good-Schwachsinn Die Farbe des Geldes vielleicht ausgenommen.

Die Nachricht, Scorsese würde einen existierenden Film remaken, hat mich aber etwas skeptisch gemacht, vor allem weil der Originalfilm (1) noch nicht sehr alt und (2) allerhöchstens solide bis durchschnittlich ist (siehe auch mein gestriges Review). Hatte Marty S. im Alter auf einmal sein “Edge” verloren? Aviator war ja cool, aber doch sehr “Oscar”-tauglich…

Nein. The Departed ist ein Lehrstück, wie es richtig gemacht wird. Ein ausgezeichneter Film, oberer Durchschnitt auf der Scorsese-Skala. Obwohl Scorsese fast gar nichts am Drehbuch der Vorlage verändert hat, liegen für mich Welten zwischen dem viel zu glatten, uninspirierten (aber durchaus gelungenen) Hongkong-Original und dem grindig-irischen Boston-Remake.

Scorseses Film ist fast eine Stunde länger als das Original, und in dieser Stunde muss das Geheimnis versteckt sein. Wo Infernal Affairs sehr präzise und kurz angebunden ist, lässt sich Scorsese Zeit, seine Figuren und ihr Umfeld besser auszuleuchten. Das Hongkong-Original hat zwar den Vorteil, dass die Motivation der Figuren (vor allem des Matt-Damon-Cops) wesentlich klarer ist – gegen die geballte Kraft von Scorseses mörderisch guter Besetzung hat Hongkong aber keine Chance.

Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Martin Sheen, Alec Baldwin, und Mark Wahlberg mit genial missratener Frisur – eine hervorragende Mischung; doch das absolute Highlight ist Jack Nicholson, der seine beste und coolste Performance seit 15 Jahren gibt. Ich vergebe dir, Jack, dass du die letzten 15 Jahre mit mittelmäßigen Filmen und Durchschnittskomödien verbracht hast – möge für dich ein zweites Karrierehoch beginnen, in dem du deine ganze Coolness noch einmal mit uns teilen kannst.

The Departed ist ein in Worten und Werken brutal-grausiger Film (wie mir meine Eltern bereits nach ihrem gestrigen Kinobesuch vorangekündigt haben) – einige der Gewaltszenen reichen durchaus an A History of Violence heran, und die Schimpfwortdichte ist enorm (obwohl ja amerikanische Filme in der Synchro ohnehin meist noch deutlich zahmer kommen als in den oft reichlich “verfickten” US-Originalen). Doch gerade der kreative Spracheinsatz (kaum ein Satz, in dem nicht irgendwessen Mutter beleidigt wird) verleiht dem Film eine fast schon humorvolle Leichtigkeit, die das schwere Original deutlich missen lässt. Trotz der sehr ernsten Herangehensweise an die Cop-Story scheint sich Scorsese der überkandidelten Story bewusst zu sein, nimmt sie nicht ganz ernst und ergänzt sie im allerletzten Moment mit einer überraschenden Wendung.

Fazit: so macht man aus einem biederen, durchschnittlich guten Film einen Martin-Scorsese-Film. Ein hervorragender Film, der den Vergleich mit anderen Scorseses absolut nicht zu scheuen braucht.

 

 

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2 Kommentare zu “Gestern gesehen: indische Tiger und irische Ratten”

  1. Filmblog » Blog Archive » Zuletzt gesehen: buntes Indien, eigelber VW, Technicolor-Epos Says:

    [...] Und zuallererst ist da Das indische Grabmal (1959), die versprochene Fortsetzung von Fritz Langs Der Tiger von Eschnapur aus dem selben Jahr (Lang hat da ja einen Tarantino gebaut und den überlangen Flim aus Marketing-Gründen in zwei Hälften geteilt). [...]

  2. michel Says:

    zu departed:
    endlich mal eine fast durchweg gelungene umsetzung einer asiatischen filmvorlage. bis auf matt damon und das ende hab ich keine kritikpunkte. spannend und durchdacht. so muss ein film sein
    wer mehr wissen will, kann sich ja diese kritik noch durchlesen:
    http://www.resurrection-dead.de/dailydead/departed_-_unter_feinden

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