Gestern gesehen: US-Western und arte-Trash
Wie die meisten modernen Menschen mag ich italienische Western lieber als amerikanische – wenn ein amerikanischer Western aber in so richtig kristallklarer Bildqualität mit wunderschön restauriertem Schwarzweissbild ausgestrahlt wird, werde ich meistens ziemlich schwach. Sam Fullers Vierzig Gewehre ist so ein Fall: das wunderschön restaurierte CinemaScope-Bild hat mir seinerzeit fast die Augen rausgehauen.
Der deutsche Titel Zähl bis drei und bete (1957) lässt eigentlich mehr an italienische Western-Bestrebungen denken (obwohl: dann hiesse der Film vermutlich “Halleluja, zähle bis drei und bete das Djangos unbarmherziger Colt ein paar Dollar mehr begräbt” oder so) – doch hier handelt es sich um einen ganz klassischen US-Moralwestern.
Nach einer länglichen Vorgeschichte wird Farmer Dan Evans gebeten, den Kriminellen Ben Wade (Glenn Ford) ins Nachbardorf zu bringen, und dort mit ihm auf den 3:10er-Zug nach Yuma zur Gerichtsbarkeit (daher der US-Titel 3:10 to Yuma) zu warten. Farmer Dan macht’s eh nur, weil er aufgrund der aktuellen Dürre dringend Geld braucht, um Frau und Kinder zu ernähren. Ben Wade, nicht auf den Kopf gefallen, bietet ihm natürlich Geld für ein zugedrücktes Auge zwecks Flucht. Was kein schlechtes Angebot ist, denn Bens brutale Bande ist ohnehin bereits auf dem Weg…
Ich weiss nicht mehr, wo es war (ich glaube, im TV-Browser war’s), dass ich gelesen habe, dass Regisseur Delmer Daves so ein unterschätztes Genie ist – ob er’s ist oder nicht, sei dahin gestellt, er hat auf jeden Fall einen trashigen B-Movie-Namen, das muss ich hier erwähnen. Ich würde sagen, brilliant ist der Mann sicher nicht, mit 3:10 to Yuma hat er aber sicherlich einen überraschend brillianten Film hingelegt, der sich in alle Richtungen gegen gängige Westernklischees sträubt – Van Heflin als Dan Evans ist so etwas wie ein Anti-John-Wayne, ein reiner Held aus Notwendigkeit, kein Strahlemann per se. Vergleiche zu High Noon sind ausserdem willkommen: es geht wieder einmal um einen Zug der erwartet wird, nur, dass der Zug hier die Erlösung bringt.
Danach hab’ ich mich endlich mit der arte’schen Trash-Reihe zu beschäftigen begonnen. Mittlerweile hat arte schon vier Filme ausgestrahlt, und ich habe mir noch keinen einzigen ansehen können – die Filme waren bis gestern in Wartestellung. Weil aber die dieswöchige TV-Kolumne auf Allesfilm den arte-Trash-Donnerstag ins Auge fassen wird, hat der Filmking sich gedacht: siehst du dir’s mal an, damit du zumindest weisst, wovon du schreibst. Ergo gab’s gestern zwei trashige Filme von arte, und da arte den Begriff “Trash” ja relativ weit fasst, waren diese aus sehr unterschiedlichen Bereichen des Genres.
Der Teuflische (1973 bzw. 1975) ist niemand Geringerer als Telly Savalas, unter der (teilweisen) Regie von Mario Bava. Ich bin ja nicht so der Über-drüber-Bava-Spezialist, aber die zwei Bava-Filme, die ich bisher kannte, haben mich ziemlich beeindruckt. Ergo war ich sehr gespannt auf das, was arte da zur Eröffnung der Trashreihe ausgestrahlt hatte.
Und der Film ist, kurz gesagt, ein Sauhaufen. Zumindest in der gezeigten Fassung. Und die Erklärung ist so ein Parade-Beispiel für Eurotrash, dass man den Hut vor arte ziehen muss, dass sie diesen Film so perfekt ausgewählt haben. Die Geschichte geht nämlich so: der Film kam ursprünglich unter dem Namen Lisa e il Diavolo 1973 in die Kinos, als düstere Geistergeschichte. 1973 kam noch ein Film in die Kinos, nämlich Der Exorzist. Und Produzent Alfredo Leone entschloss sich kurzerhand, sich an den Erfolg des Exorzisten dranzuhängen und drehte flugs ein paar Exorzismus-Szenen nach. Äh, wie?
Naja, die eigentliche Handlung von Lisa e il Diavolo ist in der neuen, trefflich House of Exorcism benannten Fassung nur noch ein Traum, den die gute Lisa (Elke Sommer) hat, während sie ganz Linda-Blair-mäßig Schleim spuckt und flucht wie ein Müllkutscher. Die eigentliche Handlung, die übrigens in einem Geisterhaus spielt, wurde auf ein völlig zusammenhangsloses Gerüst reduziert, das an völlig willkürlichen Stellen von Exorzismus-Szenen durchbrochen wird.
Das Absurde ist, dass die Exorzismusszenen, wenngleich oft 1:1 aus dem Original-Exorzisten geklaut, durchaus oft sehr stylisch sind – ein separat gedrehtes, reines Exorzisten-Rip-Off wäre durchaus ansehenswert gewesen. Die Kombination mit der völlig unpassenden Geistergeschichte macht den Film aber völlig verworren. Was bleibt sind relativ schöne Bilder.
Und danach ein rascher Wechsel nach Japan. Japan ist nach Italien vermutlich das verlässlichste Land, wenn es um Trash geht. Und mit dem Pink Film (bzw. pinku eiga) hat Japan ja ein ganzes Genre geschaffen, das für westliche Augen allerhöchstens skurril wirkt. Erklärung für Nichtjapaner: echte Pornographie ist in Japan strengstens verboten, was Jahrzehnte skurriler Fetische und vor allem Softpornos, die diese Fetische bedienen, zur Folge hat. Die hier bereits zweimal erwähnten Sasori-Filme gehören begrenzt ins Pink-Film-Genre, bzw. speziell ins “Women-in-Prison”-Subgenre. Die fabelhafte Welt der Sachiko Hanai (2003) ist ein eher modernerer, komödienorientierter Vertreter des Pink-Films.
Sachiko Hanai ist eine Prostituierte – bis sie irrtümlich eine Kugel in den Kopf bekommt. die tötet sie aber nicht, sondern macht sie super-smart und sorgt für eine verzögerte Sinneswahrnehmung. Ein nordkoreanischer Geheimagent und ein Replika von George W. Bushs Finger spielen auch eine Rolle. Überlassen Sie es ihrer Phantasie, herauszufinden, wie letzterer in einem Softporno zum Einsatz kommt.
Gähn, Schnarch. Im westeuropäischen Kinderprogramm ist deutlich mehr Nacktheit zu finden als im durchschnittlichen Pink-Film. Jegliche Resterotik wird durch die völlige Überdrehtheit des Films abgetötet. Aber was soll’s. Ich wollte ohnehin Trash sehen, und keinen Schweinkram.
Und zum Film selber muss man sagen: der ist bemüht. Bemüht schrill, bemüht trashig, erzwungen originell. Und Erzwungenes geht nie gut. Einige Einfälle sind gut, im Großen und Ganzen aber viel zu anstrengend. Die Handlung wird ausserdem schnell repetitiv, im letzten Drittel sind den Filmemachern spürbar die Ideen ausgegangen. Fazit: nett, aber kein Brüller.
Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit arte: sie bemühen sich, einen möglichst vielseitigen Blick auf das Phänomen Trash zu werfen, und wenn ich das richtig verstanden habe, will man diesmal die Reihe nicht nur über 6, 7 Filme wie beim letzten Mal laufen lassen, sondern richtig als relativ permanente Institution. So gehört sich das!

