Gestern gesehen: ‘ne ganze Menge
Irgendwie wird mir erst jetzt so richtig klar, dass ich gestern … ziemlich viel angesehen habe. Und das ohne speziellen Grund. Egal, nachdem meine letzten Blogeinträge eher kompakt und eher gelangweilt ausgefallen sind, wurde es ohnehin wieder einmal Zeit für einen wuchtigeren Eintrag. Und Bilder gab es auch schon länger keine mehr.
Transsexuelle hatte ich hier auf’m Blog zuletzt in der schrillen Roadmovie-Komödie Priscilla – Königin der Wüste. Und ohne, dass ich jetzt irgendwie so etwas wie einen “Transen-Schwerpunkt” oder einen “Umoperierten März” stattfinden lassen möchte, kam mir wieder einmal ein (aktuell besonders relevanter) Film dieses Genres unter. Moment, da fällt mir eine interessante Frage ein, die eigentlich schon immer in meinem Kopf umherspukt: das Wort “Transen”, ist das jetzt eigentlich eine Abkürzung für “Transvestit” oder “Transsexueller” – oder beides?
Hedwig and the Angry Inch (2001) – Hedwig ist auf jeden Fall zweiteres: eine Umoperierte, und zwar direkt aus dem schönen Ostberlin in die US of A, wo sie mit ihrer Band “The Angry Inch” (benannt nach dem, was ihr nach ostdeutsch missglückter Operation unten blieb) einem jungen Rockstar hinterhertourt, der ihr alle Songs gestohlen hat. So der Inhalt des Rockmusicals von und mit John Cameron Mitchell, der ja aktuell (und jetzt kommt der Grund, warum ich den Film als “aktuell besonders relevant” bezeichnet habe) mit seinem Zweitlingswerk Shortbus in den Kinos ist.
Transen (und das gilt jetzt für -vestiten wie -sexuelle) bedeuten in einem Film zwangsläufig eine gewisse Schrillheit. Ob sämtliche Transen der Welt mit turmhohen Frisuren und zuckerlbunten Kleidern rumrennen, weiß ich nicht, ich kenne keine Transen. Ich erinnere mich aber an diese israelische Song-Contest-Teilnehmerin. Ich hab’ den Song Contest damals zwar nicht gesehen, aber davon gehört – das war so ungefähr der engste Kontakt, den ich je zu einer Transe hatte. Eigentlich schade, man ist ja ein weltoffener Mensch.
Aber zurück zur Schrillheit: das Angenehme an Hedwig ist im Vergleich zu anderen Transen-Filmen, dass die Schrillheit (oh Gott, “Schrillheit” dürfte so ziemlich das bescheuertste Wort auf Gottes schöner Erde sein, und ich schreib’s jetzt schon zum dritten Mal) hier ihre Wurzeln in Punkrock, David Bowie und Lou Reed (und vielen anderen, die ich vermutlich nicht kenne) hat – lauter Dinge, die ich gerne mag. Entsprechend war ich positiv überrascht, dass die Musical-Nummern, und das sind nicht zu wenige, überraschend gut sind. Auf neunzig Minuten sind die Gesangseinlagen in der Tat verdammt dicht gedrängt, mitunter minimalst auf Kosten der Handlung. Dennoch überzeugt Hedwig and the Angry Inch mit überraschender Tiefe, Klarheit und Ernsthaftigkeit – immer jedoch mit einem Augenzwinkern.
Und wenn Sie glauben, dass das der kurioseste Film des gestrigen Tages war, irren Sie. Diese Auszeichnung geht an Angriffsziel Moskau (1964), eine Art Gegen-Dr. Strangelove. Und mit Dr. Strangelove ist bereits die einzige Filmreferenz gemacht, die notwendig ist, um Anhaltspunkte zu diesem Film zu geben: Angriffsziel Moskau kam nicht nur beinahe gleichzeitig mit Kubricks Meisterwerk in die Kinos, der Film ist auch inhaltlich beinahe identisch. Mit einem Unterschied: hier ist alles ernst gemeint.
Anders formuliert: durch einen Kommunikationsfehler rast ein amerikanischer Nuklearbomber auf Moskau zu – die Russen gewillt, bei einem Einschlag einen Nuklearkrieg zu beginnen. Während Dr. Strangelo Prof. Groeteschele einen Präventivschlag nahelegt, hat der Präsident einen friedenserhaltenderen, wenngleich wesentlich drastischeren Plan im Hinterkopf.
Und Stanley Kubrick tat gut daran, aus seinem Film eine Komödie zu machen. Mit Walter Matthau als Groetschele (ein emigrierter Jude, also eigentlich das exakte Gegenteil zu Strangelove – trotz ähnlicher Empfehlungen an den Prez) wäre eine Basis gelegt gewesen, und Präsident Henry Fondas Weltenrettungsplan ist so blödsinnig, dass er auch in Kubricks Werk gepasst hätte.
Entsprechend wirkt der Film heute vor allem irritierend. Trotz gutem Regisseur (Sidney Lumet) kann der Film heute die frühere Spannung nicht mehr gewinnen, weil er einfach jegliche Relevanz verloren hat. Als reiner Thriller ohne den realen Hintergrund (der ja heute zum Glück nicht mehr gegeben ist) ist der Film genau wie seine Figuren zu klischeehaft, um noch ehrlich als spannend wahrgenommen zu werden.
Ein recht netter Artikel zum Thema Strangelove versus Angriffsziel, mit interessanten Betrachtungen zum Thema Atomkriegsängste der Sechziger findet sich hier – aber Vorsicht, der Text verrät bereits im ersten Absatz das Ende des Films.

Danach ein Film im Hauptabendprogramm: das Ben-Stiller-Owen-Wilson-Remake von Starsky & Hutch (2004). Ich hatte den Film seinerzeit schon mal aus der Videothek gesehen, war gestern mir aber nicht mehr ganz sicher, ob ich ihn schon gesehen hatte – und das war mir auch relativ egal. Ich wollte den Film ohnehin (noch einmal) sehen, weil das Februar-Ray einen Artikel über das Frat Pack enthielt und dabei ebendieses Remake explizit als Frat-Pack-Film listete – ein Faktum, das mir bis dato schlichtwegs noch nicht aufgefallen war.
Der Grund, warum ich vergessen habe, ob ich den Film schon gesehen habe: weil er sehr, sehr, sehr mäßig ist. Starsky & Hutch kann sich beim besten Willen nicht entscheiden, ob er Parodie, Hommage, oder ernsthaftes Remake sein will – und scheitert folglich an einem schwachen Drehbuch, das weder das eine, noch das andere ist – und letztlich für etwas, das doch sehr stark Komödie sein will, relativ unlustig daherkommt.
Klar, der Film hat seine starken Momente (einer davon involviert Will Ferrell und Drachen) – im Wesentlichen ist er aber zu leicht-seicht und vor allem: zu “schon x mal dagewesen” um irgendwie von Interesse zu sein. Die Handlung lässt sich zusammenfassen in “Unfreiwilllige Partner verfolgen einen Drogenboss” - in der Umsetzung dieser Handlung gibts kaum einen neuen Gedanken. Und als “Hommage” an das (von den originalen Starsky und Hutch stark geprägte) Buddy-Cop-Movie kann man den Film auch keineswegs verstehen – dazu handelt er die altbekannten Klischees viel zu ernst ab. Schade – ein eher schwacher Film.

Und danach noch ein Film: den Film Freeze – Alptraum Nachtwache hab’ ich mir bis jetzt immer verkniffen, weil ich mir zuerst das Original aus Dänemark ansehen wollte; Nightwatch – Nachtwache (1994) hab’ ich hiermit offiziell gesehen und bin offiziell enttäuscht. Was für ein langweiliger Klischeethriller.
Martin, Jusstudent, arbeitet in einem Krankenhaus als Nachtwächter in der Leichenabteilung. Gleichzeitig geht ein Frauenmörder um, und in bester Thrillertradition kreuzt dieser bald Martins Weg. Er will nämlich seine bisherigen Morde dezent Martin anhängen, damit er anschliessend ungestört weitermorden kann. Und weil Martin von der Arbeit mit den Leichen eh restlos aufgedreht ist, dürfte ihm das reichlich leicht fallen.
Nachtwache ist die Sorte Film, wo plötzlich die Enthüllung kommt, wer der Mörder wirklich ist – und wo man plötzlich ein Oho-Aha-Erlebnis haben und sich an die Stirn fassen soll, wie man auf den Falschen gesetzt und die vielen subtilen Hinweise übersehen hat. Die Hinweise sind aber nicht subtil, und so bleibt das Aha-Erlebnis aus. Und auch das Stirnfassen. Stirnfassen tut man nur, weil man sich wundert, wie die Filmemacher geglaubt haben, mit solch stereotypen Verstatzstücken durchzukommen: natürlich ist nicht jener der Mörder, auf den am Anfang alles völlig überzeichnet hindeutet, und stattdessen stellt sich der “ich versteh’ dich ja”-Typ dann als mordlüsterne Bestie heraus. Dazwischen viel bieder inszeniertes Korridor-Gegrusel und langweiliges Psycho-Verwirrspiel – Pluspunkte gibts lediglich für kurze Anfälle von Selbstreferentialität, wo der Film auf seine eigene Existenz hinweist (”Hey, das ist ja wie im Film! Keiner glaubt mir, dass ich gerade das-und-das gesehen habe!”). Die gewonnenen Pluspunkte werden aber sofort wieder für geschmacklose Nineties-Frisuren und Kleidung abgezogen.
Wie ist das eigentlich passiert, dass man in den Neunzigern nicht gemerkt hat, dass diese irgendwie rattig-langweiligen Frisuren nicht so der Bringer sind? Genau wie die rattig-langweilige Mode: Pullover in langweiligen Farben, die die Figur möglichst nicht betonen. Der ganze Eighties-Kitsch mag total schrecklich sein, dafür sind die Neunziger so langweilig und uninspiriert, dass man sich fragt, wie die Leute das überstanden haben, ohne Selbstmord zu begehen. Selbiges gilt übrigens auch für den Film.


