Gestern gesehen: Erotischer Nihon-Trash
Achtung: das folgende Programm enthält Szenen, die Ihr sittliches Empfinden verletzen können.
Letzte Woche hab’ ich’s angekündigt: im Filmking-Hauptquartier stapelt sich noch jede Menge arte-Trash, sodass sich der eine oder andere Themenabend ausgeht. Trash-Thema des gestrigen Abends war “Japan”. Der Trash-Begriff von arte beschränkt sich ja nicht nur auf Trash im klassischen Sinne, sondern umfasst ja im Prinzip alles, was irgendwie untergründig ist. Anlass zur Freude für den Filmking: solche Filme werden viel zu selten im TV gezeigt.
Und so haben sich mittlerweile schon wieder drei Filme aufgestaut, die thematisch ganz herrlich zusammenpassen, weil sie alle mehr oder weniger dem japanischen Filmgenre des Pinku Eiga zugeordnet werden können. Ach ja, japanischer Softcore! Dass die Japaner mitunter ziemlich krank im Kopf sind, wissen wir ja alle (besonders der Autor dieses Buches, obwohl so ein Buch wiederum ganz prinzipiell nur ein Deutscher geschrieben haben kann) – diese ganze Pink-Film-Geschichte finde ich aber irgendwie nur noch lustig.
Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ist in Japan jegliche Darstellung von Genitalien verboten (der erste Film, der dieses Verbot ignorierte, war passenderweise Kinsey) – was ab den 1960ern zu einem Aufschwung im Softcore-ein-bisschen-Busen-und-simulierter-Sex-Genre führte. Und innerhalb kürzester Zeit entwickelte man zahlreiche heitere Subgenres, die die Zensur auf die eine oder andere Weise unterwanderten und symbolisch umgingen.
Entsprechend verlaufen ist das Pink-Genre mittlerweile – die drei Filme des gestrigen Abends werden alle dazugezählt, obwohl sie alle eher am Rande der Genre-Definition unterwegs sind. Erotisch? Naja, für bestimmte Leute vielleicht schon… unterhaltsam? You bet!
Raigyo (1997) besticht durch seine deutschen Zusatz-Titel: wahlweise als “Raigyo – Die Frau in schwarzer Unterwäsche” oder als “Raigyo – Tödliche Extase” kann man diesen Film in unseren Breiten finden. Kurios, denn so zutreffend die Titel inhaltlich sind, so irritierend sind sie in der Zusammenstellung: ein Raigyo ist nämlich ein besonders hässlicher Fisch, der vor allem für seine zahlreichen Parasiten und Würmer bekannt ist. In schwarzer Unterwäsche.
Dass der Film überhaupt dem (doch eher erotisch ausgelegten) Pink-Genre zugerechnet wird, ist irritierend, und lässt sich nur dahingehend erklären, dass offensichtlich alles, was nur ein Minimum an Nacktheit enthält, bereits als Pink gilt. Denn von Erotik ist in diesem in seinen Nackedeis eher gewalttätigen Film keine Spur. Gleich zwei Reviews (1,2) zertifizieren dem Film ein hohes künstlerisches Gehalt. Visuell mag das stimmen, inhaltlich fehlt mir entweder der kulturelle Zugang, oder ich habe Recht und der Film ist wirklich ziemlich planlos, langweilig und prätentiös.
Danach das absolute Highlight des Abends: Die blinde Bestie (1969). Blurb: ein blinder Masseur und seine Mutter entführen ein Model, weil der Masseur (der sich nebenberuflich auch als Künstler verdingt) eine Skulptur nach ihrer Vorlage schaffen will, die rein auf dem Tastsinn beruht.
Aufruf an die üblichen Verdächtigen AFN oder REM: bitte sofort eine brauchbare deutsche DVD bringen! Der Film ist ganz und gar großartig und total geil! Einstieg bildet eine sehr sixties-eske Fotoserie, dann entführt Mr. Grapschi sein Opfer in eine taktile Räuberhöhle, die ein bisschen an diese flashige Traumsequenz aus Spellbound erinnert. Dann geht’s gut eine halbe Stunde recht konventionell-psychothrillermäßig zu, bevor der Film noch mal in ungeahnte Höhen schrägen Fetisches abgleitet. Hurra!
Und das ist dann auch der Film des gestrigen Abends, der dem Begriff “Trash” am ehesten zutrifft – “Trashig” im engeren Sinne ist er zwar nicht, aber gewisse B-Movie-Qualitäten hat er dann doch. Naja, wenn man ehrlich ist, ist er schon ziemlich cheesy – dieses ganze prätentiöse Künstlergetue von Grapschi, nur damit er dann eine sehr durchschnittliche Tonplastik erstellt? Und das macht er in einem Atelier, das Mario Bava für ihn entworfen haben hätte können? (Ugh, der letzte Satz war sperrig. Überhaupt hab’ ich heute irgendwie Probleme mit den richtigen grammatikalischen Zeiten und Fällen.)
Ein großartiger Film, mit dem der dritte Film des Abends nicht ganz hundertprozentig mithalten konnte: Die Tätowierung (1966), vermutlich der konventionellste Film des Abends, und schon wieder so einer, der nur sehr am Rande versucht, erotisch zu sein (obwohl er ebenfalls das Pinku-Stigma trägt).
Eigentlich handelt es sich mehr um einen Frau-nimmt-Rache-Film im historischen Setting: Otsuya, Tochter aus gutem Hause, will mit ihrem Geliebten, dem niederen Angestellten Shinsuke, aus ihrem Elternhaus ausbüchsen. Ein Freund nützt die Flucht der beiden jedoch aus: er will Shinsuke töten lassen, und verkauft Otsuya an ein Geisha-Haus. Dort bekommt die Dame sofort ein Standessymbol verpasst: ein sehr flächiges Irezumi (=Tattoo) auf den Rücken, und zwar die Darstellung einer Tarantel (jap. “Dirnenspinne”). Durch das Tattoo seltsam verwandelt, beginnt Otsuya blutige Rache an ihren diversen Peinigern zu nehmen – allerdings ohne selbst Hand anzulegen, denn als Geisha weiß sie, wie sie ihr Umfeld manipulieren muss, um an ihr Ziel zu gelangen.
Und vor allem stilistisch erinnert der Film ganz stark an Lady Snowblood und Konsorten, mit historischem Setting und allem Trara. Kämpfe oder übermäßig viel Blut gibt’s nicht, trotz der arte-schen Gewaltszenen-Warnung. Spaß macht der Film trotzdem, auch, wenn’s mir gestern eigentlich ein bisschen zu spät war, um diesen Vertreter eines tempomäßig doch eher langsamen Genres noch richtig zu genießen.
So weit der angekündigte Japan-Trash. Jetzt liegt hier dank arte noch mal ein Stapel mit schwulem Trash (wieder drei Stück), und bis ich den durch habe, sollte sich noch mal ein “Mixed Trash” gesammelt haben. Ich hoffe, dass mein lokaler Kabel-TV-Betreiber bis dahin seine Probleme mit dem arte-Bildformat in den Griff bekommt, im Moment werden nämlich alle 16:9-Ausstrahlungen eingezoomt, also mit links und rechts abgeschnittenem Bild, Senderlogo und Untertiteln (das war gestern lästig) ausgestrahlt.

