Gestern gesehen: deutscher Schmarren
Jupp, der Titel verrät’s: wieder wurde die aktuelle Serie “Sachen mit gehobenem Anspruch” unterbrochen zugunsten eines Filmabends mit Kumpels. Auf dem Programm stand ein recht interessanter Mix von Deutschtrash.
Stahlnetz (1958) sollte dem Leser eigentlich ein Begriff sein: die Serie ist quasi die Mutter des deutschen TV-Krimis, direkte Vorläuferin des späteren Tatort, Inspiration für die Edgar-Wallace-, Sixties-Mabuse-, und sonstige deutsche Krimis. Witzigerweise ist das Serienkonzept jedoch komplett geklaut übernommen von der amerikanischen Serie Dragnet, die alleine schon aufgrund ihrer markigen Titelmelodie ein Begriff sein sollte – die die Deutschen übrigens gleich mit geklaut geborgt haben, was amüsant ist, weil Dragnet sich die Melodie wiederum vom epochalen, Hemingway-basierten Siodmak-Film-Noir The Killers geklaut geliehen hat.
Und die gestern besehene erste Folge von Stahlnetz hat aus heutiger Perspektive durchaus den Titel “Trash” verdient: obwohl die Production Values eigentlich für damalige Verhältnisse recht ansehnlich sind, ist es die eigenartige Handlung und die mitunter ungewöhnliche Dramaturgie, die unweigerlich an Trashfilme denken lässt. Im pochenden Großstadtmoloch Oberhausen (?) hat nämlich ein junger Mann in einer Wirtshausschlägerei einen erschossen und ist jetzt auf der Flucht. Doch das Stahlnetz zieht sich enger um ihn, und weil er (normale Größe, dunkle Haare, arisch, Schlägertyp) sich auch noch auf so finstere Unterweltaktivitäten wie den illegalen Verkauf von Teppichen (!) einlässt, hat er bald sämtliche Staatsorgane inklusive Polizei, Gendarmerie, Gestapo, Sicherheitsdienst und noch mindestens drei andere an den Hacken kleben. Wie vieles aus den Fernseh-Fünfzigern/Sechzigern auf eine naiv-ungeschickte Weise charmant.
Bleiben wir bei den Fernsehfünfzigern: die Besichtigung der Stahlnetz-Erstfolge haben wir Kollege Armin zu verdanken, der mittels Magnetband-Aufzeichnungsgerät einen Teil des kürzlich ausgestrahlten Schwarzweiss-Thementages auf 3sat aufgezeichnet hat. Und aus ebengenau diesem Thementag wurde noch ein Element besichtigt: eine Kochsendung mit dem österreichischen Kultkoch Hans Hofer.
Das Genre der Kochsendung ist ja ein Genre, das so alt sein dürfte wie das Fernsehen selbst. Mittlerweile hat das Format ja auch einiges durchgemacht, hat Kochgrößen wie Biolek, Johann Lafer (mein Favorit) und die ganzen jungen Powerköche (Oliver Twist und wie sie alle heißen) überstanden, und es trotzdem weitestgehend vermieden, jemals interessant oder spannend zu werden.
“Hofer gelingt es, das Schlagen von Eiklar zu Schnee zu einer spannenden Szene zu machen.” – Da bin ich anderer Meinung, liebe Freunde von 3sat. Es ist nett, durchs Fernseh-Fensterl einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, wenngleich das Fazit nur lauten kann: heute könnte man so etwas nicht mehr bieten. Hofer ist nervös, der Kaiserschmarrn brennt an (aber nur ein bissel), Hofer greift die glüh-heiße Pfanne an, erzählt heiter-anzügliche Anekdoten über Gewürznelken und meint, die Nachbarn dürften ruhig hören, dass es heute Reiche-Leute-Essen (=Mehlspeis) gibt. Und zum Schluss, liebe Damen (und kochfreudige Herren) sollten Sie Papier und Blei bereithalten, damit Sie das in Zeitlupe eingeblendete Rezept abschreiben können. Nett!
Das absolute Highlight des Abends war jedoch ein Film, den ich spontan zum besten Film aller Zeiten – was sag’ ich? Zum besten Film des gesamten Kosmos! – ausrufe. Quasi als Nachbemerkung zu den zuletzt im Freundeskreis besehenen Sechziger-Jahre-Mabusefilmen (vgl. auch Stahlnetz) gab’s einen Artur-Brauner-CCC-produzierten, billigen spanischen Mabuse-Rip-Off, der angesichts eines offensichtlichen Urheberrechtsmangels ganz einfach Dr. M schlägt zu (1972) heißt.
Handlung: eigentlich keine. Lassen Sie mich versuchen, diese lose aneinandergehängten, nennen wir’s höflich “Szenen” wiederzugeben: Ein glatzköpfiger Mann mit Gesichtsnarbe (das “Monster”) entführt und tötet auf Geheiß von einigen Schurken eine Frau. Warum? Äh. Schnitt. Zwei asoziale Sandler-Cowboys Sheriffs sitzen herum – ah! Wir sind hier also nicht etwa in Spanien, sondern im Süden der USA. Aha. Die Sheriffs verhören eine Stripperin, was ihnen sichtlich gefällt. Einer der Schurken, Dr. Kranko (nicht Mabuse, sieht aber ohnehin eher aus wie ein Mitglied der Bee Gees) beauftragt seine spanische Kampflesbe, die Stripperin zu entführen. Warum? Weil diese in der nahen Zukunft dazu dienen könne, einen Professor zu verführen und den geheimen Code aus ihm herauszupressen. Aha. Schnitt. Das dynamische Duo sitzt wieder herum. Schnitt. Kampflesbe entführt Stripperin. Das dynamische Duo verfolgt Kampflesbe. Wilde langweilige Auto-Verfolgungsjagd. Schnitt. Dr. Nichtmabuse hat inzwischen vergessen, was er von der Stripperin wollte. Er lässt den Professor ermorden und seine Tochter entführen. Warum nicht umgekehrt? Wäre nicht das der schlauere Plan gewesen? Nein, weil Siegfried Lowitz als Schauspieler für diesen Film viel zu teuer war und deshalb nach wenigen Minuten Screen Time sterben musste. Inzwischen, im Sheriffs-Büro: man hat sich wieder dem süßen Nichtstun hingegeben, und – richtig geraten – sitzt herum. Dr. Nidhtmabuse lässt inzwischen von seinem Team von Dilletanten (Kampflesbe, Monster, sowie ein paar Schlägertypen, die plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sind) einen Überfall auf das nationale Weltbeherrschungs-Geheimwaffen-Forschungslabor (ja, unter General Franco gab es sowas wirklich noch!) ausführen – scheitert aber kläglichst noch an der Türschwelle. Ich weiß nicht wie, aber mittlerweile sind die Sheriffs unter der Zuhilfenahme eines Damenhöschenschnuppernden Sandlers und seines Hundes den Schurken in ihrem bösen Leuchtturm bedrohlich nahe gekommen. Was gar nicht nötig gewesen wäre, denn die haben sich inzwischen gegenseitig vermöbelt, Dr. Nichtmabuse ist durch eine seiner aus Eierkartons gebauten Maschinen zu Tode gekommen. Es hat also, um die Handlung noch mal grob zusammenzufassen, niemand etwas Nennenswertes geleistet, ein paar Leute sind zu Tode gekommen, und trotzdem sind alle irgendwie mit sich zufrieden.
Und wenn ich mir diesen Schlusssatz so ansehe, kann ich eigentlich nur zum, äh, Schluss kommen, dass es sich bei Dr. M schlägt zu nicht etwa um spanischen Billigst-Trash handelt, sondern um ein existenzialistisches Meisterwerk. Ingmar Bergman, nimm dich in Acht! Jess Franco ist dein neuer Meister!
Interessanterweise ist hier ein unmittelbarer Vergleich zwischen dem vorgestrigen Bergman-Abend und dem Jess-Franco-Film durchaus interessant, speziell, was die Laufzeiten angeht: in drei Stunden Bergman passiert quasi nichts, aber der Zuseher erlebt eine völlig neue Welt, die Zeit vergeht wie im Fluge. Im Frank’schen 75-Minüter geschieht zwar viel, aber trotzdem passiert nix, und für den Zuseher fühlt sich’s an wie drei Stunden.
Witzig (um wirklich noch das Letzte herauszuanalysieren, was sich herausanalysieren lässt) ist auch Jess Francos Inszenierung: was anfangs wie sehr cooler, sixtiesesk-psychedelischer Turbo-Stil anmutet, stellt sich bald als Überstrapazierung einer Fischaugenlinse und dreier bunter Scheinwerfer heraus. Nicht mal in der Hinsicht überzeugt der Film.
So, und morgen – das gelobe ich hoch und heilig – gibt’s dann wieder was für den gehobenen Geschmack. Ich denke da an Tarkovsky, Fellini oder Truffaut. Nein, Moment, heute Abend bin ich nicht da. Sagen wir, übermorgen.

