Ich bitte an dieser Stelle den geneigten Leser, die nun folgende verbale Entgleisung zu entschuldigen.
Fuck you, Weinstein Brothers. Fuck you. Nein, ehrlich. Fuck you.
Vor einiger Zeit haben sich die beiden Filmemacher und Genre-Fetischisten Robert Rodriguez und Quentin Tarantino zusammengetan, um ein Spezial-Filmprojekt ins Leben zu rufen: ganz in der Tradition der immens erfolgreichen Eastern/Western-Hommage Kill Bill sollte Grindhouse (2007) eine Hommage an die titulären Grindhouses werden: auf Exploitation-Filme spezialisierte Trashhäuser, deren Output aus katastrophalen Uraltkopien irgendwelcher billigster italienischer Zombiefilme, schwedischer Schulmädchenpornos und amerikanischer Blaxploitationstreifen bestand. Ich lege dem geneigten Leser nahe, sich mal den unter dem Wort “Exploitation-Filme” verlinkten Wikipedia-Artikel durchzulesen – eine recht interessante Auflistung populärer Subgenres.
Nun ist Grindhouse weniger ein echter Film als vielmehr der Versuch, eine Grindhouse-Vorstellung wiederzugeben – zwar nicht authentisch, aber dennoch in der hommagenhaft überhöhten Art, die der geneigte Leser von Tarantinos Kill Bill her gewohnt ist. Ein faszinierendes Projekt, bestehend aus alten, abgenutzten (Fake-)Trailern für typische Exploitationfilme, Dia-Werbung für ein lokales mexikanisches Restaurant, und ein Double Feature von bescheuert schlechten Filmen, gezeigt in der abgenutztest möglichen Kopie.
Naja, so sollte es sein, wären da nicht die Gebrüder Bob und Harvey Arschgesicht Weinstein, deren klare Intention es von Anfang an war – achtung: von Anfang an, nicht etwa erst nach dem katastrophalen Filmstart in den USA – no na, ein Gewaltfilm am (Familien-)Osterwochenende – also, deren klare und eindeutige Intention vom allerersten Anfang an war, den Film zwecks Gewinnmaximierung von seinen Fake-Trailern zu befreien stattdessen die beiden Filme des Double Features separat zu releasen.
Ich möchte kurz rekapitulieren: zwei Filme, deren Haupteigenschaft es ist, auf möglichst dämliche Weise schlecht zu sein, und deren filmischer Reiz vor allem darin besteht, dass damit eine seit fast dreissig Jahren verloren gegangene Kinotradition reproduziert wird, werden separat veröffentlicht und werden somit zwangsläufig… zu schlechten Filmen.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal einschieben: Fuck you, Weinstein Brothers. Ehrlich. Ich fühle kein noch so kleines Bisschen Reue bei dem, was ich getan habe. Ich habe den Film Grindhouse gesehen. Ich habe mir nicht Robert Rodriguez’ Planet Terror angesehen, und auch nicht Quentin Tarantinos Death Proof, sondern Grindhouse. Mit Fake-Trailern. Ich habe (obwohl ich Tarantino gerne mag, und Rodriguez ebenso) gewartet und gewartet, ob das, was man unter Beachtung der lateinischen Wurzel als Integralfassung (oder “Die Fassung, bei der die Filmemacher ihre Integrität behielten”) nicht in irgend einer legalen Weise in unseren Breiten verfügbar würde. Vielleicht dann auf DVD. Aber nix da. Nada.
Ehrlich, ich hab’ gar keine Lust, mir die “zwei Filme” auf DVD zu kaufen. Warum auch? Ich will gar nicht wissen, wie diese Katastrophen separat wirken. Seien wir ehrlich: sie sind schlechte Filme. Sie sind furchtbar. Abgesehen von ihrer Meta-Wirkung als Hommagen an bestimmte Genres haben sie nix vorzuweisen – und in der Hinsicht hält sich Tarantinos Film ebenfalls bedenklich schlecht. Das Grindhouse-”Erlebnis” ist das Einzige, was den Film (den einen Film) interessant oder sehenswert macht: die verschrobenen Trailer-Ankündigungs-Melodien (”A prevue of coming attractions”), die die Tatsache, dass Death Proof offensichtlich früher Thunderbolt hieß – das ist ein Stil, dessen Inhalt völlig irrelevant ist.
Ein Stil mit missing reel: ein besonderer Clou der Grindhouse-Integralfassung sind die Missing Reels: jedem der beiden Hauptfilme “fehlt eine Filmrolle” – ein wichtiger Teil des Films ist schlichtwegs nicht vorhanden. Das mag zwar keine echte Grindhouse-Tradition sein, sondern entstammt vielmehr Tarantinos 35mm-Sammlerleidenschaft, ist aber dennoch stilistisch konsistent – und narrativ wie humoristisch interessant. Ein Wiedereinfügen der Reels in die europäischen Fassungen als Mehrwert zu verkaufen ist schlichtwegs das Inverse von wahr.
Ebenso verlogen jegliche Marketingbehauptungen, Grindhouse wäre dem europäischen Publikum mangels Grindhouse-Tradition nicht zugänglich – bullshit. Eine dreissig Jahre alte Kino-Tradition, wiederbelebt von Filmemachern, die hauptsächlich an ein pubertäres bzw. filmhistorisch mäßig bemitteltes Publikum appellieren – das hat auch in Amerika keinerlei Boden, welches Tarantino-Kiddie wusste denn ehrlich vor Grindhouse, was der Ausdruck überhaupt bedeutet? Man hätte wenigstens zugeben können, dass man einfach wollte, dass die Europäer für halbe Filme doppelt löhnen, weil das bei Kill Bill schon so schön funktioniert hat.
A propos Europäer: den Freunden vom deutschen Verleih, Senator Film, kann man diesmal wirklich keinerlei Vorwurf machen: die haben von den Arschlöchern Weinsteins von Haus aus nur kastrierte Kopien erhalten und haben somit keine Schuld. Naja, besser macht das die Situation auch nicht, und Geld werden die Herren Senatoren auch nicht von mir erhalten.
Ich muss ehrlich gestehen: ich fühle mich gut. Moralisch gesehen mag es zwar völlig falsch sein, sich einen Film als Raubkopie aus dem Internet angesehen zu haben (Eat my shorts, Weinsteins), aus der Sicht des Filmliebhabers war es die einzige Möglichkeit. Ich muss sogar sagen, dass die Screenerkopie (DVD-Rips gibt es von der Integralfassung nicht, sie ist bisher nirgends auf DVD erschienen) mit ihrer miesen Qualität und ihren Köpfen gelangweilt toilettensuchender Zuseher dem Grindhouse-Flair sogar noch zuträglich ist. Ausnahmsweise volle Download-Empfehlung meinerseits.
Und ach ja: fuck you, Weinsteins.
Noch ein Film, den ich schon ewig sehen wollte: Das Britenteam Edgar Wright/Simon Pegg/Nick Frost hat, obwohl noch nicht allzu oft auf’m Blog gefeatured, einen fixen Platz im Herzen des Filmkings. Die wunderbare Serie Spaced genoss der ‘king seinerzeit sehr (und er würde jetzt zum DVD-Regal gehen und sein Spaced-Böxlein streicheln, wenn dieses nicht gute 500 km entfernt läge, weil er über Weihnachten die Eltern besucht) – und Shaun of the Dead war schlicht großartig. Etwas seltsam, dass der noch keinerlei Review auf’m Blog erfuhr. Naja, ein Grund mehr, sich das Ding mal wieder mit Kumpels reinzuziehen.
Hot Fuzz fand im Vorfeld bereits zwei Erwähnungen auf’m Blog: einmal in der grandiosen Jahresvorschau ‘07, und einmal wegen seines abgewichsten deutschen Verleihtitels, der dann offensichtlich sogar dem Verleiher zu dumm war, und durch den zumindest nicht ganz so geschmacklos-fehlgriffigen “Zwei Bad Boys räumen auf” ersetzt wurde. Naja, auch nicht so viel besser.
Seltsamerweise war dann mein Interesse am Film schon wieder fast verschwunden, einerseits, weil sich der Hype um den Film in unseren Breiten tatsächlich auf ein allgemeines Mokieren über den deutschen Titel beschränkte (zumindest innerhalb der Blogosphäre), andererseits, weil sich mein Interesse an einer synchronisierten Fassung des Films dank des bestenfalls peinlichen Dubs von Shaun of the Dead ebenfalls bei Null einpendelte.
Überraschenderweise hat ausgerechnet Kollege Markus, der sonst zwar einen guten Filmgeschmack, nicht unbedingt aber eine profunde Kenntnis der exotischeren Ecken der Filmwelt aufweist, den Film nun aus dem Talon gezaubert. (Kollege Markus, missversteh’ das bitte nicht als Vorwurf – es kann nicht jeder jeden Film zumindest namentlich kennen – das gelingt nur den Filmkings unter den Menschen.) Nun, eine gute Gelegenheit, den Film zu sehen – und für großartig zu befinden.
Wright/Pegg/Frost machen da weiter, wo sie mit Shaun aufgehört haben und schaffen einen Film, der gleichermaßen der Vertreter eines Genres ist, wie er es homagiert und parodiert – ohne verletzend oder primitiv sein. Hot Fuzz funktioniert gleichermaßen als klassischer Vertreter des Cop-Action-Genres, wie er es liebevoll auf die Schippe nimmt, oft auf einer Meta-Ebene, die an Tarantino gemahnt (hihi, Rückgriff auf Tarantino von weiter oben) und dennoch viel raffinierter ist.
Ich würde dem Film sogar (schweren Herzens) attestieren, dass er besser als Shaun ist – knapp. Aber das mag auch ein wenig daran liegen, dass er mir persönlich genremäßig eine winzige Spur zugänglicher ist – und für Kleinstadt-Satire hatte ich auch immer schon was übrig. Insgesamt ein ausgesprochen angenehmer, unterhaltsamer, erfrischend anderer Film. Hurra!