Nachdem ich mittlerweile sicher ein halbes Jahr nicht mehr in der Videothek war, habe ich mich fast schon geschämt, wieder einmal hinzugehen. Die strafenden Blicke meines Stamm-Videothekars (”wo bist du gewesen, Filmking? Ich habe jeden Tag auf dich gewartet…”) – beinahe unerträglich, der Schmerz. Dennoch: es musste sein. Also habe ich gestern brav drei Filmchen heimgetragen und mich mit politischen Journalisten, untreuen Schnösel-Ehemännern und unheimlichen Teenagerinnen herumgeschlagen.
Good Night, and Good Luck (2005) ist George Clooneys zweiter Spielfilm – als Regisseur, versteht sich. Clooney hat für seine Verfilmung von Fernsehreporter Edward R. Murrows Kampf gegen Senator Joseph McCarthy in den 50ern einen beeindruckenden Cast zusammengetragen: Jeff Daniels, Robert Downey Jr., Frank Langella, Ray “Leland Palmer” Wise und natürlich Clooney selbst schauspielern sich die Seele aus dem Leib – Highlight ist dennoch der relativ unbekannte David Strathairn als Edward R. Murrow.
Filmisch ist vor allem die Doppeldeutigkeit interessant: nicht nur bildet der Film das McCarthy-Klima interessant ab, man kann ihn auch als Allegorie auf das aktuelle Medienklima in den USA sehen, als Plädoyer für mehr Medienverantwortung. Auch wenn der Vergleich zwischen damals und heute vielleicht nicht ganz gerade ist, so hebt er doch den Film vom simplen Biopic a la Kinsey auf eine deutlich interessantere Ebene.
Clooneys Regietalent habe ich schon früher attestiert, nämlich bei Clooneys Erstling Confessions of a dangerous Mind – und auch wenn mir der ein Stück besser gefällt, muss man ganz klar sagen: Clooneys Oscar-Nominierung für den Film ist verdient. Ich bin gespannt, was Clooneys Nächster, Leatherheads, bringen wird.
Match Point (2005): Woody Allen macht zwei Arten von Filmen: lustige und anspruchsvolle. Und, äh, eine ganze Palette von Filmen dazwischen oder ausserhalb dieser Einschränkung. Äh. Worauf ich hinaus will? Weiss ich nicht… ich sollte grobe Verallgemeinerungen unterlassen. Zurück zum Film, Dieser zeichnet sich schon einmal durch drei Besonderheiten aus: es ist Woody Allens längster (ganze zwei (!) Stunden), sein erster vollständig britischer, und sein erfolgreichster Film seit fast zwanzig Jahren.
Match Point ist eine Art genre-unabhängiges Drama um Tennislehrer Chris, der sich von unten hinaufgearbeitet hat. Er freundet sich mit Tom, dem Sohn einer reichen Familie an, und kommt mit dessen Schwester zusammen. Dann verliebt er sich in Toms Verlobte. Verständlich: sie ist Scarlett Johansson.
Neben einer Allen-typisch tollen Besetzung (Jonathan Rhys-Meyers als Chris, Brian Cox und die Premierministerin aus Doctor Who als reiche Schwiegereltern – und natürlich die bereits erwähnte Scarlett Johansson) bietet der Film… nicht viel. Filmisch eher durchschnittlich entwickelt die unspektakuläre Handlung zwar eine gewisse Drögheit, aufgrund des langen Zeitraums aber auch eine unheimlich fiese Intensität, die der Unspekularität (gibt es dieses Wort?) überraschend viel Bedeutung verleihen. Der Schluss mag etwas aufgesetzt und beinahe schon lustig wirken, gibt dem Film aber Woody-Allen-Beigeschmack.
Was mich ein wenig irritiert, ist, dass Allen seinen üblichen Personenkreis, die New Yorker gebildet-liberale Mittelschicht, eintauscht gegen reiche Briten-Schnösel. Das raubt den Figuren jede Menge Sympathie, was aufgrund der Drama-Handlung aber nicht das Schlechteste ist. Im Gegenteil: ab der Mitte entwickelt der Film eine Art Tom-Ripley-Flair. Das passt, erinnern doch die beiden leider etwas ununterscheidbaren männlichen Hauptfiguren stark an Jude Law.
Ahja, und Spud aus Trainspotting spielt auch mit.
Hard Candy (2005): ein kleiner, kaum bekannter US-Indie-Film, auf den ich durch zwei Dinge aufmerksam geworden bin: durch einige Rezensionen auf aintitcoolnews.com, und durch die Tatsache, dass er hierzulande von Autobahn vertrieben wird, dem Filmlabel, das uns auch schon den exzellenten Brick gebracht hat (bzw. übernächsten Monat auf DVD bringen wird).
Und es ist quasi unmöglich, den Film zu rezensieren, ohne ein wichtiges Plot-Detail zu verraten, das man vor dem Filmkonsum vielleicht nicht unbedingt wissen sollte. Es steht dem Leser also frei, die nächsten paar Paragraphen zu überspringen. In Hard Candy geht es nämlich um einen “Internet Predator”, einen Pädophilen, der im Chat die vierzehnjärige Hayley aufreisst, in einem Lokal trifft, und dann mit nach Hause nimmt. [Und jetzt kommt der Spoiler:] Der gute Jeff schaut aber ganz schön verduzt aus der Wäsche, als er feststellen muss, dass es diesmal Hayley ist, die ihm die Rape Drugs ins Getränk getan hat, um sich anschliessend für ein verschwundenes Mädchen zu rächen. Auf sehr, sehr schmerzliche Weise.
Und in der Aufbereitung kann man dem Film eigentlich keine Vorwürfe machen. Der Stil ist vielleicht ein bisschen zu prätentiös, die doch ziemlich straighte Handlung verläuft ab ungefähr Minute 25 genau so weiter, wie man es erwartet (d.h. Hayley foltert ihn halt ein bisschen, viel mehr passiert da nicht mehr) – und man fragt sich eigentlich ein bisschen, was das soll. Speziell, weil die Sympathien des Zusehers spätestens ab der Mitte mehr als uneindeutig sind. Eigentlich hat man als Mann mit Jeff geradezu ungeheures Mitleid, da eine äußerst fiese, letzten Endes aber unbefriedigende Operationsszene mit den tiefsten Urängsten jedes Mannes spielt.
Die Zusehersympathien mit einem Pädophilen sind aber eigentlich nicht das Problem, das ich mit dem Film habe – vielmehr die gewisse Aussagenlosigkeit: was will der Film eigentlich? Denn auch wenn man das intensive Gefühl nicht los wird, dass uns Hard Candy etwas sagen will, kommt dann doch nichts: Hard Candy ist ein interessanter, gut inszenierter Kammerspiel-Thriller, nicht mehr und nicht weniger.
Und, äh, eigentlich wollte ich mich diesmal pro Film auf zwei Absätze beschränken, irgendwie hat das aber immer weniger geklappt.
Edit: und jetzt hab’ ich sogar noch einen äußerst wichtigen mittleren Absatz zur “Good Night”-Meinung hinzugefügt.
Match Point: ein Bett im Kornfeld oder ein schöner (verlängerter) Rücken kann auch entzücken…