Na endlich! Die Menge johlt, die Leser jubeln: mit elender Verspätung kommen endlich die Reviews zum ohnehin zwei Tage zu späten Halloween-Filmabend. Während anderswo schon Weihnachten vorgefeiert wird, ist der Filmking immer ein bisschen hinterher. Aber jetzt darf endlich auch der geneigte Leser das grandiose Line-Up erfahren, mit dem der Filmking seine heuer noch zahlreicheren Gäste drangsaliert hat.
Film 1: Film 1 war ein Sonderfall, weil der Filmking an dieser Stelle keinen Film vorgegeben hat, sondern ein Voting zuließ. Die vier Filme fallen alle so ungefähr in die Sektion des klassischen Grusels, und wurden vor allem auf der Basis vom ‘king vorselektiert, dass sie auf DVD leicht verfügbar waren. Zur Auswahl standen: Der Schrecken der Medusa (1978), Das Ding aus einer anderen Welt (1951), Der Mieter (1976) und Tanz der Vampire (1966). Der Fettdruck verrät, dass es (4:2 gegen das Ding) Polanskis brilliante Vampirkomödie geworden ist. Und ich bin heilfroh, dass es nicht der andere Polanski geworden ist, denn noch ein brauchbares Review über diesen Film hätte ich vermutlich schlicht und einfach nicht geschafft.
Witzigerweise war der hinlänglich bekannte Vampirtanz mehr so etwas wie eine Ersatznummer: ich war bei Amazon noch nicht über die 20 Euro, und so hab’ ich zwecks Versandkosten den billigen Klassiker draufgelegt, im Glauben, dass eh keiner für den hinlänglich bekannten Film votet. Und obwohl ich jetzt fernab von schönformulierten Texten die Phrase “hinlänglich bekannt” zweimal verwendet habe, ist es eigentlich so, dass ich den Film seit ewigen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und oft ist es ja so, dass Klassiker der eigenen Kinderzeit sich beim Wieder-ansehen als ziemlich unlustig erweisen – zum Glück ist das bei Tanz der Vampire nicht der Fall: der Film hält nicht nur jeder neuerlichen Prüfung stand, der teils subtile, teils slapstickige Humor rund um die beiden patscherten Vampirjäger (”The Fearless Vampire Killers”, wie der englische Titel so schön erklärt) erweist sich als großartig und frisch wie am ersten Tag. Einzige Kritik meinerseits ergeht an das wenig großartige deutsche DVD-Cover.
Film 2: für jene zwei, die gegen die Vampire und für das Ding gestimmt hatten, gab’s eine erfreuliche Überraschung: Film 2 war nämlich Das Ding aus einer anderen Welt (1982), großartiges Eighties-Remake von John Carpenter. Carpenters düsteres, makeup-meisterliches Grusel-Lehrstück greift Motive und Themen sowie einzelne Szenen des Originals auf und schafft es, die wesentlichen Fifties-Konzepte von Paranoia, Angst vor dem Fremden und gegenseitigem Misstrauen noch zu vertiefen. Anders als im Original, in dem das tituläre “Ding” ein recht konventioneller Alien-Astronaut war, ist das “Ding” hier wirklich reichlich entmenschlicht: ein bösartiger Formwandler, der sich als jeder der Männer der Eisstation tarnen kann, und sich dann meist in widerlichster Form offenbart. Geschickt hält sich Carpenter vage in den Erklärungen, wer wann vom Monster ersetzt wurde, und steigert somit den Verfolgungswahn – hin zum apokalyptischen, ultradüsteren Finale.
Film 3: erinnern Sie sich? Bei meinen Viennale-Reviews habe ich einen Film ausgespart, mit dem Hinweis, dass ich den Kumpels nicht die Gelegenheit geben möchte, näheres über ihn zu recherchieren, weil er beim Halloween-Filmabend vermutlich gezeigt werden wird. Und unmittelbar nach dem Viennale-Screening habe ich mich auch schon daran gemacht, eine entsprechende DVD zu organisieren. Für Filmking muss es natürlich das beste sein, weswegen ich alle verfügbaren Hebel in Bewegung gesetzt habe, um die superlimitierte, längst vergriffene Special-Edition-DVD von Suspiria (1977) aufzutreiben. Weil die bei Filmundo ersteigerte DVD leider nicht mehr rechtzeitig gekommen ist, musste ich dann ärgerlicherweise auf eine Internet-Raubkopie zurückgreifen, die dann allerdings sehr überrascht hat, was die Bildqualität angeht.
Denn die Bildqualität ist eindeutig der erste Belang, was Dario Argentos opulentes, technicoloriertes Zuckerlspektakel angeht. Ob junge Mädchen in pastellfarbenen Riesenräumen grausamst gehängt werden, oder ob sie durch primärfarbene, böse Korridore schleichen: Suspiria ist eine durchgestylte Attacke auf den Sehnerv (und passenderweise hat sich Argento ja für die Fortsetzung dann Italo-Farbspezialisten Mario Bava an Bord geholt). Aber es wäre reichlich unfair, Suspiria nur auf das Bild zu reduzieren: auch der Ton ist dank den extrem ohrwurmigen Klängen der italienischen Prog-Rocker Goblin extremst erinnerungswürdig. Was bin ich froh, diesen Film erstmals auf der Riesenleinwand des Gaatenbaus gesehen zu haben.
Und leider hat sich danach schon ein nicht ungeringer Teil der Belegschaft vertschüsst (obwohl das zugegebenermaßen verzeihlich ist, da sie Suspiria unverständlicherweise eh schon teils schlafend verbracht haben), denn Film 4 war wieder mal mit weitem Abstand das Schlimmste und Schrecklichste, was ich auftreiben konnte: ein epochales Meisterwerk, mit Reminiszenzen zu den Fünfzigern (Paranoia, Kalter-Kriegs-Metapher, Wir-gegen-die-Gedanke), Sechzigern (eindeutiger thematischer Querverweis auf Hitchcocks Vögel) und Siebzigern (Umwelt schlägt zurück, Mensch gegen Natur). Die Rede ist, wie jeder gute Cineast recht eindeutig entlarvt haben dürfte, von Angriff der Killertomaten (1978).
Endlich wieder ein Film, der sich nach allen Regeln der Kunst mit dem Trash-Etikett versehen lässt: Killertomaten ist so schlecht, dass er fast schon wieder wirklich schlecht ist, jenseits aller postmodernen Ironie. Was noch wesentlich schlechter ist als das nonexistente Budget oder ebenso sträflich abwesende Drehbuch ist der auf Präpubertierenden-Niveau angesiedelte Humor, für den “Holzhammer” ein zu subtiler Begriff ist, und der auch dann nicht zielsicher wäre, hielte er sich nur wenige Millimeter vom Pissoir entfernt auf. Aber vielleicht ist es gerade der dadurch entstehende Non-Sequitur-Faktor, der den Film dann doch wieder sehenswert macht. Wir lachen über den Film, nicht mit ihm. Was als einzige Frage zu klären gilt: wie hat es ausgerechnet dieser Film auf eine Special-Edition-Doppel-DVD gebracht?

Lost in a Wonderland of Color And of Sound: Suspiria.