Lassen Sie mich ein wenig weiter ausholen: vor einigen Jahren (oder, Moment: das ist schon wieder über ein halbes Jahrzehnt her) startete VOX eine Serie, die hieß – nein, nicht Alias, soweit sind wir noch nicht – Dark Angel. Die Serie handelte von einer genetisch manipulierten Übermenschin, die in der nahen Zukunft eines Amerika, das wirtschaftlich in etwa so beieinander war wie Teile des heutigen Ostblocks ihr Dasein als Motorradkurierin fristet und gleichzeitig vor ihren Schöpfern flieht.
Äh, ziemlich dämliche Prämisse, und so trashig wie die Inhaltsangabe verspricht war die Serie dann auch größtenteils. Damals, so um 2001, als die Serie bei uns gestartet wurde, gab’s für den Filmking aber tatsächlich zwei Gründe, da mal reinzuschauen: erstens Hauptdarstellerin Jessica Alba, und zweitens Serienproduzenten (oder zumindest Für-die-Serie-Namens-Herleiher) James Cameron. Wenngleich Frau Alba es sogar schaffte, ihr völliges Schauspieler-Untalent sogar durch die deutsche Synchro durchzustrahlen, so war sie doch ein ausgesprochener Hingucker, und James Cameron war immerhin – naja, James Cameron eben. Der Terminator-Typ.
Und die Serie hatte vor allem noch einen Vorteil: der Filmking hatte sich damals, 2001, noch bei weitem nicht so intensiv damit beschäftigt, das Fernsehprogramm nach jedem Hauch von Filmklassiker oder Genreperle zu durchforsten, und hatte damals durchaus noch Abende, an denen nix lief. Unvorstellbar, aber der ‘king war durchaus froh, dass er sich Mittwochs diese durchwachsene, aber anschaubare Trash-SF-Serie ansehen konnte.
Und, äh, was hat das jetzt mit Alias zu tun? Gemach, gemach, dazu komme ich gerade: in der zweiten Staffel (die VOX nahtlos nach der ersten ausstrahlte, wenn ich mich nicht täusche) wurde Dark Angel so richtig dämlich. Man konnte sich die Serie quasi nicht mehr ansehen, ohne physikalisch Schmerzen zu verspüren. Jessica Albas neuer bester Freund war ein Hundemensch, der Serienbösewicht wurde ersetzt durch eine nicht unbedingt vorteilhaft gealterte Nana Visitor (oj! alle DS9-Bilder aus dem Gedächtnis zerstört! Dabei sah ich Frau Visitor einige Jahre später live, und da sah sie wieder bedeutend besser aus als in Dark Angel) und Stories unter jeglichem Niveau.
Der Filmking beschloss, die Serie schleunigst aus seinem Wochenablauf zu streichen, und passenderweise startete just in diesem Moment des Streichenwollens ProSieben eine neue Serie, die inhaltlich ähnlich gelagert war, und die, wenn ich mich nicht täusche, sogar eine ähnliche Sendezeit hatte. Und jetzt alle: Alias – Die Agentin. Inhalt: bla, bla, es geht um eine weibliche Geheimagentin, die jede Woche Roundhouse-Kicks austeilt, und dabei in wöchentlich anderen engen Outfits und Perücken gut aussieht. Dasselbe wie Dark Angel halt, wird schon als Ersatz gehen. Schlechter kann’s nicht sein, zumindest kommen keine Hundemenschen vor.
Und so setzt sich der Filmking hin, und sieht sich die Pilotfolge an. Und ist positiv überrascht: neben dem Erwarteten (nämlich einer perückentragenden Roundhouse-Kick-Geheimagentin) gibt’s Bonus: drei überraschende Plotwendungen in der ersten Episode (zumindest, wenn man nicht die Fernsehzeitung gelesen hat, die die erste Wendung schon mal verrät). Nicht schlecht.
Und in den nächsten Wochen passiert das Unglaubliche: die Serie wird richtig gut. Viel besser, als die Prämisse eigentlich zulässt. OK, im Grunde hängt sich jede Episode der Serie an einem einfachen Grundmuster auf: Sydney Bristow (a.k.a. Jennifer Garner), du musst wichtige Dokumente klauen/eine Bombe entschärfen/falsche Daten platzieren (und zwar in einem Hochsicherheits-Datenbunker/-Gefängnis/-Krankenhaus/-Hotel) und dabei eine Perücke tragen, um sexy auszusehen nicht erkannt zu werden. Kung Fu und Roundhouse Kicks für alle, die sich dir in den Weg stellen.
Aber neben den Schema-X-Geschichten entwickelt sich langsam mehr: das den Serientitel spendierende Thema, nämlich, dass jeder auch jemand anderer sein könnte, dass niemandem zu trauen ist und sowieso alle für die Gegenseite arbeiten, kristallisiert sich langsam in einem Meta-Plot heraus. (Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen: Serien mit einer durchdachten übergeordeten Handlung waren damals noch bei weitem nicht so üblich wie heute.) Und dazu kommt plötzlich mehr oder weniger aus dem Nichts die Rambaldi-Substory: Milo Rambaldi, ein italienischer Gelehrter (bzw. eine dünn camouflierte Mischung aus Leonardo Da Vinci und Nostradamus) hat bereits in der Renaissance Erfindungen gemacht, die nicht nur ein bisschen in den Bereich der Fantasy gehen, sondern die auch so brisant sind, dass sie für heutige Geheimdienste (und damit für Sydney Bristow + Team) immer noch relevant sind.
Plötzlich war die Serie so spannend, dass Leute wie Tarantino gecameot haben (ohne Scheiss! Und das war noch bevor Tarantino CSI gemacht hat), und dass Leute wie der Filmking an der Mattscheibe klebten. Naja, so richtig gemerkt wie geil die Serie wirklich war hat der Filmking erst so gegen Ende der ersten Staffel und deren stimmigem Cliffhanger.
Staffel zwo war dann eine serientechnische Offenbarung, wie sie der Filmking noch nicht erlebt hatte: so ziemlich alles, was an Staffel eins großartig gewesen war, wurde noch gesteigert, und die Dinge, die irgendwie immer gestört hatten, waren langsam aber sicher rausgeschrieben worden. In der zweiten Hälfte der Staffel wurde dann die Prämisse der gesamten Serie über den Haufen geworfen, was dem Filmking (der damals vorrangig mit dem üblichen Akte-X-jede-Woche-dieselbe-Shoze-Prinzip vertraut war) völlig neu und großartig erschien. Und dann das Ende von Staffel 2, ein Ende, das für den Filmking immer noch in der Top drei der besten Cliffhanger der Fernsehgeschichte rangiert.
J.J. Abrams, Schöpfer von Alias, hatte einen fixen Platz im Herzen des Filmking bekommen. Die unglaubliche Euphorie über die zweite Staffel ließ den Filmking zwei Dinge tun: erstens kaufte sich der Filmking die DVD-Box von Staffel eins (die er eigentlich als eher so so la la in Erinnerung hatte, aber er wäre sich eher blöd vorgekommen, wenn er nur Staffel zwei gekauft hätte) – und war begeistert zu entdecken, wie gut Staffel eins eigentlich wirklich gewesen war.
Und zweitens, was noch viel bedeutender war: er rührte unter Kumpels kräftig die Werbetrommel für diese neue Serie von J.J. Abrams – die, wo so ein Flugzeug auf einer einsamen Insel abstürzt… (der Rest ist Geschichte, Anm.d.Red.). Eine der Lieblingsfiguren aus der Inselserie hatte übrigens seinen Glatzkopf zuvor bereits eine Staffel lang durch das Alias-Agenten-Hauptquartier geschoben.
Und dann: gar nichts. Denn: die Quoten im deutschen TV waren erbärmlich, und so entschloss sich ProSieben, von einer weiteren Ausstrahlung vorerst Abstand zu nehmen (bzw. die Fans mit “demnächst” zu vertrösten). Synchronrechte blockierten eine Fortsetzung der Serie auf DVD, und illegale Downloads waren dem Filmking – äh – nicht so wahnsinnig vertraut.
Ergo musste der Filmking so rund eineinhalb Jahre warten, bis ATV sich noch vor ProSieben erbarmte, die dritte Staffel ins Programm zu schicken. Zu diesem Zeitpunkt lief in den USA schon die letzte Staffel (oder war sogar schon fertig? Ich weiß es nicht mehr) – und die Rezensionen der höheren Staffeln waren eher durchwachsen. Die Serie hatte, so lautete der Konsens, den Haifisch bereits in ihrem extremen Prämissenwechsel der zweiten Staffel übersprungen und war nunmehr hauptsächlich damit beschäftigt, schlechter zu werden.
Dennoch gab sich der Filmking die dritte Staffel, um festzustellen, dass diese zwar nicht schlecht, primär aber von einer gewissen Planlosigkeit befallen war. Der Cliffhanger der zweiten Staffel wurde so-so aufgelöst, und der Prämissenwechsel aus Staffel 2 stellte sich mehr als Prämissenschwund heraus (und so war die Serie ihre restlichen drei Staffeln mehr auf der Suche nach einem neuen Serienziel als sonst irgendwas). Letztenendes zeigte die Staffel trotz einiger Highlights (darunter ein Gastauftritt von David Cronenberg) nie die Brillianz der vorangegangenen Staffeln, konnte aber auch nie als so richtig schlecht bezeichnet werden.
Staffel 4, oder Same Game All Over again. Cliffhanger der dritten Staffel wird erbärmlich schlecht aufgelöst, danach eine halbe Staffel, die eigentlich gar nicht weiß, was sie will, um schließlich wieder deutlich spannender zu werden. Das Finale der vierten Staffel gehört mit seinen Zombies (ja! Zombies! In einer Geheimagentenserie!) zum absoluten Tiefpunkt der gesamten Show. Und trotzdem: zur Sicherheit hängt man wieder einen kleinen Cliffhanger dran, um dem Filmking Lust auf die fünfte Staffel zu machen.
Und, um an dieser Stelle kurz die Historie der Zugänglichmachung der Serie festzuhalten: ATV hatte die dritte Staffel knapp eineinhalb Jahre nach der zweiten fortgesetzt, worauf wieder etwas über ein Jahr Pause folgte. Heuer im Frühjahr begann dann ProSieben die Ausstrahlung der dritten Staffel (so Daumen mal Pi drei bis vier Jahre nach Ausstrahlung der zweiten Staffel) – heuer im Herbst wurden dann im Schnellverfahren Staffel vier und fünf auf (zumindest sehr günstiger) DVD veröffentlicht. Mühevoll, da wirklich dran zu bleiben.
Es war beinahe mehr eine Art sentimentale Loyalität, die den Filmking dazu bewogen hat, sich auch noch Staffel fünf anzusehen. Mit den Zombies hatte man sich zwar mindestens auf Hundemenschen-Niveau begeben, aber zumindest konnte es nicht mehr schlimmer kommen. Stimmt auch: Staffel fünf ist zwar noch deutlich planloser als alle vorangegangenen, aber ganz so schlecht ist sie auch nicht.
Chronische Krankheiten der hinteren drei Staffeln Alias: zu Beginn jeder Staffel taucht eine neue, weltumspannende Geheimorganisation auf, die (1) schon seit vielen Jahrzehnten im Untergrund operiert hat, (2) über unglaublich viel Macht und Einfluss bis in die Spitzen sämtlicher Geheimdienste und Regierungen verfügt und (3) unbedingt hinter den Geheimnissen von Rambaldi her ist - (2a) passenderweise bekommt Sydneys Geheimdienst einen neuen Namen und ein neues Hauptquartier, um den neuen Schurken frisch und aufgetankt entgegentreten zu können. Jede Staffel werden ein paar neue Gesichter vorgestellt (bevorzugt eine hübsche, junge Agentin), die aber nicht wirklich viel beizutragen haben. In Staffel fünf wechseln sich dann sogar vier (!) neue Regulars ab, die zusammen kaum soviel Sendezeit haben wie z.B. Tech-Geek und Sympathieträger Marshall Flinkman (a.k.a. Kevin Weisman). In den hinteren Staffeln weiß man offensichtlich auch nicht so recht, was mit der Figur des Marcus Dixon (a.k.a. Carl Lumbly) zu tun ist, der in den ersten Staffeln noch eine recht wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, in den höheren Staffeln aber nur zwischen diversen Posten hin- und hermäandert, um dann zum Aushilfs-Prügler zu verkommen.
Schlimm auch das eher schwache Serienfinale (die Serie wurde recht kurzfristig abgesetzt, und man merkt es): underwhelming ist das Wort, für das mir im Moment ein deutsches Synonym fehlt. Es kommt alles so, wie man es seit Staffel eins vorausgesehen hat, Figuren krauchen durch Star-Trek-eske Höhlensets, Serienschurke Arvin Sloane (Ron Rifkin) findet endlich, was er fünf Staffeln lang gesucht hat (und erstaunlicherweise hat er vor der Finalfolge tatsächlich nie ausgesprochen, was er wollte, auch, wenn uns die Serienmacher beinahe auf Rambaldis größte Erfindung hingeprügelt haben), Sydney rettet (mit Hilfe der Gang) die Welt, bla bla, Serie aus, ausser Spesen nix gewesen.
Was die Serie aber bis zum Schluss sehenswert gemacht hat, sind die ausgesprochen sympathischen Charaktere, von denen doch bemerkenswert viele bis zum Schluss durchgehalten haben. Sydney Bristow, Actionheroine par excellence, von Freunden und Feinden, und wenn es etwas gibt, das an der fünften Staffel so richtig schön ist, dann, dass so gut wie jeder, der mal wichtig war (egal, ob tot oder lebendig) in irgendeiner Form zumindest mal kurz auf ein Hallo vorbeischaut. Das macht eigentlich einen viel schöneren Schluss als das sonst eher verpatzte Finale.
Final Thoughts: würde ich einem Alias-Fremden die Serie empfehlen? Jein. Ich würde empfehlen, sich die erste und zweite Staffel anzusehen, unter der Voraussetzung, man könne damit leben, nie zu erfahren, wie es nach dem Mördercliffhanger weitergeht. Denn alles, was danach kommt, ist eigentlich immer ein kleines bisschen enttäuschend. Aber ich weiß genau, dass das nicht funktioniert: eine Mischung aus morbider Neugier und Solidarität zu den Charakteren zwingt geradezu, weiterzumachen, und die eine oder andere Enttäuschung für den einen oder anderen Moment der nervenzerreissenden Spannung hinzunehmen.

Filmking’s Favorite ist übrigens der dritte von Links.
Ach: ich entdecke gerade, dass ich seinerzeit ein recht brauchbares Review zur vierten Staffel geschrieben habe, in dem ich eh schon viel gesagt habe, was ich heute wieder durchkauen musste. Lese-Empfehlung.