Tarantino, Nazis, zweiter Weltkrieg
Nazis. Über die anhaltende Popularität dieses Topos wurde bereits viel geschrieben, meist im Zusammenhang mit Guido Knopps ZDF-Dominanz oder historiphilen Epen wie Hirschbiegels vielzitiertem Pathetikum. Jetzt erlebt aber ein völlig anderer Aspekt filmischer Aufarbeitung eine Renaissance, nämlich das, was man zusammenfassend am besten als die “Nazi-Fantasie” bezeichnen könnte. Auslöser dieser Welle war wie schon so oft Filmikus und ewiger Videothekars-Archetyp Quentin Tarantino mit seinem neuen Film Inglourious Basterds (sic), der nach verdientem Erfolg in Cannes nun hierzulande vor allem für eine mediale Überpräsenz von Ex-B-Movie-Knallcharge bzw. Cannes-Preisträger Christoph Waltz mit sich zog.
Auch der große Filmking hat sich dazu hinreissen lassen, sich anlässlich des Tarantino-Films ein wenig näher mit dem von ihm bekannten und geschätzten Genre der Nazi-Fantasie auseinanderzusetzen – der Filmking’sche Twitter-Kanal gibt darüber Auskunft.
Obwohl sich das Thema Nationalsozialismus in allen seinen chimärenhaften Ausprägungen vor allem im deutschen Raum noch allergrößter Beliebtheit erfreut (historische und psychologische Nähe seien als Gründe vermutet), ist ausgerechnet der Zugang über die reine Fiktion ein unausgesprochenes Tabu. Der deutsche Film ist vor allem bemüht um historische Akkuratheit und Angemessenheit - selbst wenn die Protagonisten in Filmen wie Stalingrad oder Das Boot erfunden sein mögen, bemüht man sich um einen “würdevollen” Umgang mit dem Thema, um eine geradezu pikierte Faktentreue, die nur in den Zwischenräumen der historischen Ereignisse der Fantasie des Autors Platz bieten, seine eigene Sichtweise zu präsentieren.
Das Resultat ist eine gewisse Schwerfälligkeit, die den deutschen Film im Nazi-Topos durch die ewige Suche nach dem gemeinsamen So-war-es-Konsens zu lähmen scheint – eine Schwerfälligkeit, die selbst die wenigen fantastischeren Einträge in der jüngeren deutschen Nazi-Kino-Geschichte wie etwa Dani Levys Satire Mein Führer in der völligen Unlustigkeit - und schlimmer noch : Relevanzlosigkeit – zurückhält.
Ausserhalb der ehemaligen Reichsterritorien findet sich hingegen eine Plethora an alternativen Umgangsformen mit dem Thema Nazis, nicht selten veritable Einträge fürs Kuriositätenkabinett der Film- und Fernsehgeschichte (z.B.).
Auch für Film-Mutterland USA hat der zweite Weltkrieg (und somit der Nationalsozialismus) eine besonders wichtige Stellung in der Geschichte des zwanzigsten Jahrunderts. Denn, allen sonst in kriegerischen Konflikten üblichen Ambivalenzen zum Trotz kann man rückblickend recht eindeutig sagen: die Amis waren die Guten, die Deutschen waren die Bösen (und jeder noch so gelungene historische oder filmische Versuch, dem Deutschen als Individuum eine ambivalentere Rolle als Auch-Opfer oder wenigstens nur Mittäter zu geben kann nichts an dieser grundlegenden Tatsache ändern). Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass die amerikanische Rolle im zweiten Weltkrieg ganz wesentlich identitätsstiftend war und dass das Selbstbild des Amerikaners als “Guter” (das die hunderten blutigen und restlos ambivalenten Konflikte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit US-Involvement, allen voran den Vietnamkrieg) relativ gut überstanden hat, recht unangetastet überstanden hat.
Und so durchzieht die amerikanische Filmgeschichte ein wesentlich eindimensionaleres, oft trivialeres, wesentlich unhistorischeres, dafür aber psychologisch umso vielfältigeres Nazi-Bild zwischen-Superhelden-Schurke und sexueller Wunscherfüllung.
Während des Krieges sieht der amerikanische Film Nazis vor allem als Spione, Infiltratoren, Saboteure – eine tiefe und unmittelbare Angst vor einer schleichenden Invasion, die gut ins populäre Genre des Film Noir passt. Nach dem Krieg folgt in den frühen Sechzigern das historisierende Kriegsepos, das anfangs noch nicht unähnlich zu den Genre-Vertretern Deutschlands ausfällt (The Longest Day fällt mir spontan als berühmtester Titel ein, aber auch Premingers In Harm’s Way), das zwar auch in pseudofaktischem Pathos schwelgt, aber schon wesentlich die Abenteuer- bzw. Actionkomponente betont.
1967 ist es dann soweit: mit Das dreckige Dutzend schiebt Robert Aldrich den Nazi-Topos so weit in den Bereich der Fantasie wie noch nie zuvor und erfindet zugleich das Kommando-ohne-Wiederkehr-Genre, das den zweiten Weltkrieg von jeder Pseudohistorizität befreit und stattdessen gleichermaßen zum reinen Actionfilm bzw. zur Erfüllungsfantasie erhebt.
Ein kleines Elitekommando erfüllt hinter den feindlichen Linien einen kriegsentscheidenden Auftrag – ein zutiefst amerikanisches Moment, wenn die Entscheidung über den Kriegsausgang den Generälen und Kriegshelden des vorangegangenen Historien-Epos entrissen und dem archetypischen amerikanischen Everyman-Filmhelden (vgl. Cowboy oder Noir-Detektiv) übergeben wird. Gleichzeitig verschiebt sich der Austragungsort der Schlachten weg von den historischen Schauplätzen der Normandie oder des Pazifiks in kleine Schlösser “irgendwo in Frankreich” oder ominöse Nazi-Lager. Nazis sind böse und eindimensional, letzten Endes nur dazu da, wie die Fliegen zu sterben.
Während Aldrichs “Dutzend” sich noch wunderbar als sehr zynischer Antikriegsfilm lesen lässt (die im Krieg erfolgreiche Dutzend ist eigentlich eine Bande von Mördern und Vergewaltigern), verlässt dieser Aspekt schnell das Genre und macht geradlinigeren Vertretern platz (meinem persönlichen Genre-Liebling Agenten sterben einsam etwa). Anfang der Siebziger hat sich das doch sehr schablonenhafte Genre erschöpft und mündet in der Satire (Kellys Heroes). Eine amerikanische Fortführung findet sich erst wieder in den Achziger Jahren, als Rambo II Missionen im Vietnamkrieg überstehen muss.
1970 wird das in Amerika erschöpfte Genre von denen übernommen, die in der Übernahme amerikanischer Genres mit Sandalenschinken und Western gesammelt haben: den Italienern. In der italienischen Filmlandschaft laboriert das Genre einige Jahre vor sich hin und bringt Filme wie den letztendlich eher langweiligen Inglorious Bastards/Quel maledetto treno blindato (Namensgeber des Tarantino-Films) hervor. Wie die meisten italienischen Produktionen ist “Ein Haufen verwegener Hunde” (wie der Film im Deutschen heißt) billiger, belangloser und doch auch exploitativer als seine amerikanischen Pendants (so dürfen durchaus auch mal einige barbusige deutsche Mädels das Maschinengewehr schwingen).
In Amerika geht das Genre inzwischen in der reinen Nazisploitation auf. Die “Nazi Nasties”, die ihre Wurzeln eigentlich im Arthouse-Kino haben (und die später ebenfalls von den Italienern kopiert werden) verquicken auf perfide Weise Nazis und Sexualität, vor allem Sadomasochismus. Im Genre-Meisterwerk Ilsa, She-Wolf of the SS quält die Lagerkommandantin Ilsa Männlein wie Weiblein – der Exploitation-typische Wunsch nach Legitimation durch (oft zweifelhafte) Fakten rückt die Aktionen von Ilsa geschmacklos nahe an die Greueltaten der Geschichte heran.
In den Achzigern, während man in Deutschland die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte erstmals übt (z.B. Das Boot) verschwinden Nazis in den USA im Pandämonium der Popkultur: spätestens nach den Indiana-Jones-Filmen werden Nazis immer mehr zum popkulturellen Meme,endgültig befreit von historischen Tatsachen (vgl. auch Hellboy).
So, jetzt sind es schon fast tausend Worte, und Tarantino ist noch nicht ein einziges Mal wirklich erwähnt worden. Also zurück zum Kommando hinter feindlichen Linien: wie bereits erwähnt verschiebt sich der Nazi-Topos hier von der versuchten Authentizität vorangegangener Epen hin zu einem reinen Kino-Schauplatz, an dem die üblichen Hollywood’schen Bubenfantasien ausgetragen werden können.
Der Vergleich zum Western drängt sich auf: da wie dort wird eine scheinhistorische Kulisse zum Erlebnisort amerikanischer Individual-Heldenvorstellungen, verankert weniger durch Historizität als durch Genreformeln und -symbole (Cowboyhüte und Swastikas). Und da wie dort lässt der Film weniger Rückschlüsse auf das historische Ereignis denn auf Produzenten und Konsumenten des Werkes zu. John Wayne repräsentiert nicht den psychologischen Zustand des amerikanischen Pioniers im ausklingenden 19. Jahrhundert, sondern den männlichen Amerikaner Mitte des Zwanzigsten.
Wobei der zweite Weltkrieg sich insofern vom Wilden Westen unterscheidet, als der Filmrezipient anno 1967 noch einen viel näheren (größtenteils noch selbst erlebten) historischen Bezug herstellen kann. Wildwest kann nur als allgemeine Kulisse unter vielen dienen (wie genausogut “Die Antike”, “Die Ritterzeit”,…) in der dann allgemeingültiges menschliches Drama ausgetragen wird. Den zweiten Weltkrieg haben 1967 die meisten Amerikaner selbst erlebt (bzw. kennen ihn aus Geschichten unmittelbarer Verwandter) – er bietet viel stärker noch die Projektionsfläche eigener Erfahrungen – allerdings als Wunschfantasie mit eigenem Verlauf. Diesmal ist jede Mission kriegsentscheidend, diesmal sind die Kämpfer nicht der Friseur, der Blumenhändler und der Junge von Nebenan, sondern deren fiktive Wunsch-Selbstbilder Charles Bronson und Lee Marvin.
Jetzt: endlich Tarantino. Dass Quentin Tarantino sich für seinen neuesten Film (scheinbar) dieses Genres bedient, ist eigentlich sehr naheliegend: die anderen großen Topoi des 70er-Jahre-Trashkinos (die Tarantino vor allem als 80er-Jahre-Videothekenware kennengelernt haben dürfte) hat er bereits ausgiebig behandelt, und der Vorgriff auf die Nazi-Thematik mit “Werewolf Women of the SS” (Grindhouse) war auch schon geliefert.
Entsprechend überrascht, dass Inglourious Basterds (sic) mehr an europäische (und damit meine ich nicht italienische) Zugänge zum Thema erinnert – nicht nur wegen der extremen Deutsch- und Französischlastigkeit der ausgedehnten Dialogszenen, nicht wegen der mannigfaltigen Referenzen auf die deutsche Filmgeschichte (Pabst, Winnetou und Edgar Wallace lassen grüßen), auch nicht, weil die titelgebenden “Basterds”, ein Kommando nach Dreckiges-Dutzend-Bauweise, eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, sondern auch, weil der gesamte Plot mehr an Le dernier Metro erinnert als an einschlägiges Genre-Material. Tarantino liebäugelt mit dem europäischen Kunstfilm (was er ja eigentlich immer schon getan hat, Stichwort “Band Apart” und Cannes-Erfolge).
Doch halt: in seinem Kern ist Inglourious Basterds genau das, was ich jetzt so ausführlich beschrieben habe: eine amerikanische Nazi-Fantasie, in der es nicht um historische Authentizität (oder: Pseudo-Authentizität im Sinne des Erlebens eines realen Schreckens in der erfundenen Geschichte) geht sondern um das Ausleben einer ungetrübten Fantasie. Und dahingehend hat sich Tarantino zu einer wahren Großtat hinreissen lassen, indem er die heilige Kuh des Nazifilms geschlachtet hat:
ACHTUNG SPOILER!!!
Die ultimative Ausführung dessen, was im Grunde jeder WWII-Kriegsactioner möchte: den Verlauf des Krieges nach den Regeln des Unterhaltungskinos (und somit den psychologischen Wunschvorstellungen des Kinozusehers) neuschreiben. Einerseits die konsequente Erfüllung des Zuseherwunsches, andererseits so krass weit weg von der Realität der Geschichte, dass der filmische Moment geradewegs zur Brecht’schen Brechung wird und dem Zuseher seine eigene Fantasie vorführt.
Eigentlich ist das eine Verletzung der Kardinalregel des Genres: denn so fantastisch und von der Realität abgehoben die Filme des Genres manchmal sind, irgendwo muss immer ein Restbezug zum Krieg bleiben: der Angriff auf das Alpenschloss in Where Eagles Dare ist zwar ein überzeichnetes Actionspektakel, aber es könnte ja doch gerade noch irgendwie so sein, dass man das in den Geschichtsbüchern einfach nur übersehen hat (deswegen sind die Missionen der diversen Kommandos auch immer mit einer gewissen Geheimhaltung versehen). Selbst Ilsa unternimmt durch eine reichlich geschmacklose Widmung am Anfang den Versuch, sich in der realen Geschichte zu verankern – und ist es ja letztendlich auch.
Damit gelingt Tarantino letztlich ein Meisterstück: anstatt sich in der bloßen Oberflächlichkeit der Popkultur der 00er zu suhlen und durch reines Zitateschleudern ein heiteres, aber doch bedeutungsfreies Referenzenspiel zu liefern (vgl. Kill Bill oder im deutlich Low-Brow’igeren Bereich die diversen … Movies der letzten Jahre) nimmt Tarantino den Kern des alten Genres, die filmische Wunsch- bzw. Fantasieerfüllung, als Basis eines exzentrischen, kantigen, vielseitigen, durchaus auch lustigen und an vielen Stellen unberechenbaren Films, der sich zu recht “Tarantinos Bester” nennen darf.
1661 Worte.









